Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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HAAG

US dem Haag wird uns über den
Maler Mancini m „Pulchri Studio"
geschrieben: „Es ist nicht zu leug-
nen, dass Mancini ein merkwürdi-
ger Maler, mit einer besonderen
Kunst. Er hat Gemälde, wie „das
kranke Kind", welche von einer grossen, zu-
rückhaltenden Farbenvornehmheit und gegen-
über den andern dieser Zeit von nicht geringer
Haltung sind. Er hat aber einen Fehler, der
bei seinen späteren Werken immer mehr hervor-
tritt, indem er nach zu grosser Realität trachtet,
wodurch seine Werke etwas werden, was zwischen
Relief und Gemälde liegt. Er versucht die Dinge
durch allerlei Mittel außergewöhnlich real zu
machen, steckt eine Münze in die Farben, um
etwas von einem Armband anzudeuten; erbringt
Stücke Glas und Blech drin an, um Leuchtendes
und Flackerndes wiederzugeben.

Man hat gesagt, seine Farbe sei zu schreiend,
zu heftig: falsch ist es. Sie ist wuchtig und er
hat immer eine einzelne Farbe, die hervortritt.
Beispielsweise das weisse Hemd einer Frau, eine
Frucht zwischen anderen und dergleichen.

Er ist ein besonders begabter, als Techniker
ausgezeichneter Maler. Er hat sehr schöne Ar-
beiten gemacht. Aber er ist nicht einer der
Grossen, die durch die Fülle ihrer Emotionen einen
bleibenden Reichtum haben.

Biographisches. Mancini ist zu Nearni bei
Neapel geboren. Zunächst ging er in die Kunst-
akademie zu Neapel. Er suchte in den Köpfen,
die er malte, alles Leid des Lebens wiederzugeben.
Später hat Fortuny Gemäld" von ihm gekauft.
Mancini ging nach Paris, kehrte aber bald wieder
nach Neapel zurück. Er verkaufte damals seine
Gemälde an die Kunsthandlung Goupil. Ein Bruch
mit diesem Hause verursachte eine solche Trübung
seiner Stimmung, dass er in Neapel eine Zeitlang
im Irrenhaus war, wo er Köpfe der Irrsinnigen
malte.

Wiederhergestellt ging er nach Rom, allgemein
geehrt. Um 1885 erkrankte er wieder, man
dachte er würde sterben. Wieder geheilt, arbei-
tete er jedoch weiter.

Auf der Ausstellung der „Teekenmaatschappij",
(Pulchri Studio) gab es eine besonders interessante
Pastellzeichnung von Floris Verster: „Knob-
lauch und ein steinerner Krug", ein Stillleben,
das mit endloser Liebe durch und durch gearbeitet
von einer sehr schönen Farbenfreudigkeit war
und etwas von der Bestimmtheit des XVII. Jahr-
hunderts besass, eine Verwandtschaft mit dem
Delfter Vermeer in Anschauung und Ruhe.

Es waren ein Isaac Israels und ein Blommers
ausgestellt. Vor allen zeichnete Jozef Israels sich
aus. Seine Arbeiten sind nicht rein und schön,
aber die lebendige Empfindung, die zugleich er-
haben ist, muss jeder sehen.

Wenn es auch nicht immer Schönheit ist, es ist
immer eine Verkündigung des Lebens und der
Gefühle des Menschen.

Joban Thoru Prikker hatte eine schlecht be-
sorgte Ausstellung. Es fehlten zu viele von seinen
Werken, z. B. sein Basrelief „Footballers", sein
„Forgeron" u. s. w.

Jedoch konnte man aus einigen der ausgestellten
Werke wie „Une Estampe", Illustration zu den
„Mönchen" des Dichters Emile Verhaeren, aus

seinem „Schlittschuhläufer", einem Ölgemälde, lind

aus einem paar Zeichnungen etwas von seinen
Gaben erkennen.

Er ist ein Zeichner wie sie selten gefunden
werden, einer, dem das Zeichnen natürlich ist,
wie Andern das Sprechen. Es ist von gros er
Feinheit und Leichtigkeit, ein Zeichner von sich
bewegenden Objekten. Sein Schlittschuhläufer,
gegen Abend übers Eis forteilend, ist von aus-
gezeichneter Schönheit. In einzelnen Landschaf-
ten hat er eine Leichtigkeit der Farben, die für
sein Talent typisch ist neben der ungewöhnlichen
Zeichenkunst. Alb Plasschaert.

EITSCHRIFTENSCHAU

In der Zeitschrift für bildende
Kunfl tritt der Holländer Jan
Veth Adolf Menzel nahe.
Wolle man unter urdeutscher
Kunst allein ein Geistespro-
dukt verstehen, in welchem die Waldvögel singen
unddie Veilchen duften,dann wäre es nichtmöglich,

sich Menzel als einen Urdeutschen vorzustellen;
seine Muse sei nicht des Singens, Duftens, Lockens
und Kosens fähig, und doch sei auch Menzel deutsch,
allerdings ein scharfdenkender, hartnäckiger Spiess-
bürger, der gross in hart durchgeführter Ehrlich-
keit sei. Das Komplizierteste und scheinbar Un-
ausführbarste packe er kalt in Gemütsruhe an,

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