Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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GLORGIONE, SCHLAFENDE VENUS (DRESDENER GALERIE)

DIE SEELE GIORGIONES

VON

EMIL HANNOVER

„ Sad luith the ivholc of plcasurc"
(Dante Gabriel Rossetti, Sonett auf Giorgiones „Concert" im Louvre).

Es giebt in der ganzen Kunstgeschichte
wohl kaum eine mysteriösere Gestalt als die
Giorgiones. Seine Geburt, sein Leben, seine
Kunst, sein Tod — alles ist gleich geheim-
nisvoll.

Er wurde 1478 in Castelfranco in der Nähe
von Treviso ausserehelich geboren. Gleich
Lionardo hatte er ein Bauernm'ädchen zur
Mutter, und sein Vater, Jacopo Barbarelli, der
einer alten adligen Familie angehörte, be-
kannte sich nicht eher zu ihm, als bis Gior-
gione — d. h. der grosse Georg — als ein
berühmter Mann gestorben war. Jacopo Bar-
barelli hätte mit der Anerkennung seines
Sohnes nicht so lange zu warten brauchen,
denn schon in früher Jugend machte dieser
seinem adligen Namen Ehre. Von seiner ge-
mischten Abkunft kam in dem jungen Gior-

gione nur das Vornehme zum Ausdruck. Er
war gross und schön, anmutig und einnehmend
von Wesen, Freund aller Frauen, nicht zum
wenigsten, weil er bis zur Vollkommenheit
singen und dazu auf seiner Laute spielen
konnte. Er war frühzeitig in Venedig unter-
gebracht worden und hatte im Umgang mit
der vornehmen venetianischen Gesellschaft das
Leben in einigen der schönsten äusseren For-
men kennen gelernt, die die Kultur jemals
und irgendwo erzeugt hat.

Die Renaissancekultur in Venedig war eine
andere als die in Florenz und Rom. Hier war
die künstlerische Kultur im Lichte der Wissen-
schaften — der Archäologie, der Geschichte,
der Anatomie — gereift; in Venedig wurde
sie mehr passiv ein unmittelbares Produkt des
Lebens selbst, das man hier zu einem Kunst-

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