Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Fünftes und sechstes Heft. Inhalt: Gustav Pauli, Photographie und Kunst . . . Emil Heilbut, die
Impressionisten-Ausstellung der wiener Secession . . . Zola über Manet . . . Neue Bilderbücher . . .
Emil Hannover, die Sammlung Hirschsprung . . . Alfred Lichtwark, Bemerkung zu dem Aufsatz
über die Sammlung Hirschsprung ... Karl Scheffler, Möbel . . . Chronik . . . Bücherbesprechungen . . .

Zeitschriftenschau

PHOTOGRAPHIE UND KUNST

VON

GUSTAV PAULI

A LS in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr-
j/~\ hunderte die Technik der Photographie
sich rasch vervollkommnete, da wurden in den
Kreisen der Künstler und Kunstgelehrten be-
sorgtcErörterungendarüber gepflogen, ob wohl
von den neuen Lichtbildern eine Schädigung
der Kunst zu erwarten sei. Es schien so, als
ob der Photograph sich anmassen wollte, in
gewisse Vorrechte der Kupferstecher und Holz-
schneider einzugreifen. Zwar traten sofort
kluge Männer auf, die es schwarz auf weiss
bewiesen, weshalb das dumme Lichtbild nun
und nimmer im stände sein würde, die ver-
ständig von Künstlerhand ins Kupfer gegrabene
Reproduktion eines Gemäldes zu ersetzen. In-
dessen straften leider die Thatsachen, wie das
bisweilen passiert, die Theorie Lügen. Von
Jahr zu Jahr erstarkte die Photographie und
in demselben Masse ermatteten der reprodu-
zierende Kupferstich und Holzschnitt. Jetzt

sind sie schon so gut wie tot. Soll man sie
wirklich beweinen? — Diese Kalligraphen des
Grabstichels, die ihren Raphael oder Holbein
auf der Platte noch korrigieren zu müssen
glaubten, waren manchmal unausstehlich hoch-
mütige Gesellen und — was schlimmer ist
— sie verhinderten durch die zunftmässige
Bravour ihrer Technik, wie sie auf den Aka-
demien gelehrt wurde, eine freie Entfaltung
originaler graphischer Kunst. Jetzt besorgt
zum guten Teil die Photographie ihre Ge-
schäfte. Die graphischen Künste sehen sich
von dem langweiligen Frohndienst der Ko-
pistenarbeit befreit und dürfen wieder wie in
alten goldenen Zeiten dazu dienen, die origi-
nalen Schöpfungen der Künstlerphantasie dem
Publikum zu vermitteln. Man sieht — der
Graphiker ist eigentlich dem Photographen
nur Dank schuldig. Eine verfeinerte aus-
erlesene Reproduktion eines Gemäldes durch

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