Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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JOZEF ISRAELS, STUDIERZIMMER



BÜCHERBESPRECHUNGEN

Rembrandr von Carl Neumann. Berlin
und Stuttgart. Verlag von W. Spemann 1902.

Ueber ein umfangreiches, in jeder Beziehung an-
spruchsvolles Buch nach eiliger Durchsicht kurz zu
berichten, dürfte selbst für einen hartgesottenen
Berufskritiker eine schwere Aufgabe sein. Ich
unterziehe mich derselben nur unter dem Druck
eines vorschnell gegebenen und noch schneller ein-
geforderten Versprechens und mit dem Bewusst-
sein der Unzulänglichkeit solcher eiligen Kritik,
glaube aber, dass auch der unter so besonderen
Umständen gewonnene Eindruck wert ist, fest-
gehalten zu werden, ehe er seine Frische durch
langwieriges Grübeln einbüsst.

In dem Werk Carl Neumanns über Rembrandt
nndet sich viel Eigenes, darunter manches An-
rechtbare, wenig Üeberflüssiges und fast nichts
le)ctlgutiges. Den Verfasser legitimiert eine ge-
sattigte Kultur für die höchst schwierige Aufgabe,
!' le Gestalt Rembrandts so zu fassen, dass sie in
ihrer Gesamtkraft für unsere Kunst wie unser
Leben fruchtbar wird". Er ist sich des Gegensatzes
ewusst, in den ihn solche Fassung des Problems
^u der herrschenden kunsthistorischen Richtung
bringt, und hat sich sicherlich nicht ohne Bedenken
entschlossen, einem so fragwürdigen Buch, wie
Langbehns „Rembrandt ah Erzieher" unter den
Wenigen Vorarbeiten, die er der Erwähnung wür-

digt, einen Platz einzuräumen. Seine Arbeit ist
Max Klinger und dem Grafen Leopold von Kalck-
reuth gewidmet, aber wohl einem grossen Leser-
kreise zugedacht. Trotzdem Neumann nachdrück-
lich gegen das Schlagwort ,,1'art pour Part"
polemisiert und für das Recht des Volks auf Kunst
eintritt, wird sein Werk schwerlich je ein Volks-
buch werden. Dazu ist es viel zu feinfühlig und
verwickelt, zu breit angelegt und abstrakt aus-
gesponnen, der Tonfall des Vortrags zu vornehm
und leise. Es bleibt ein Gelehrtenbuch im besten
Sinn, bis an den Rand gefüllt mit reifen Früchten
einer Erudition, die ihre Wurzeln weit über den
kunstgeschichtlichen Acker hinaussendet; dabei
im Aufbau scheinbar willkürlich, wie eine Kom-
position Rembrandts selbst, aber auch wie eine
solche von innerer Notwendigkeit und künstle-
rischem Mass durchdrungen — in solcher lockeren
Fügung und der durchdachten, wenn auch ge-
legentlich abschweifenden Redeform besonders
genussreich zu lesen.

Im Mittelpunkt, durch starkes Licht echt rem-
brandtisch betont, steht die Nachtwache — wie
bei dem von Neumann mit Recht verehrten Fro-
mentin — dieser klassische Beleg dafür, dass die
Urzelle von Rembrandts künstlerischen Gedanken
„nicht die Figur und nicht der Raum, sondern eine
Vision von Hell und Dunkel" gewesen. Unleug-

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