Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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G. SEGANTINI, RÜCKKEHR INS HEIMATLAND (1895)

GIOVANNI SEGANTINI

VON

EMIL HEILBUT

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AS österreichische Ministerium
für Kultus und Unterricht hat
jetzt ein Werk über den 1858
in Arco geborenen Giovanni Se-
gantini herausgegeben, das mit
seinem Reichtum von Abbildungen in Kombi-
nationsdrucken, Vierfarbenlichtdrucken, Vier-
und Dreifarbenautotypien, Heliogravüren und
Lichtdrucken nach Segantinis Arbeiten zeigt,
welches Gewicht Oesterreich auf die Ehrung
seines ausgezeichneten Sohnes legte. Den Text
des Werkes hat Franz Servaes verfasst; er ist das
Ergebnis sorgfältigen Einzelstudiums, sehr
flüssig geschrieben und von jener überquellen-
den Liebe durchzogen, die den Vorzug und ein
wenig auch die Gefahr eines Schriftstellers
bildet, der von einer einzelnen Aufgabe ganz
erfüllt ist. Weniger Lob kann man der Buch-
ausstattung spenden. Für sie ist Kolo Moser ver-
antwortlich. Vor ungefähr sieben Jahren kam in
einer von Missverständnissen nicht freien Weise
bei uns eine Neigung auf, nach der Art Rossettis
und der älteren Buchausstattungskiinstler bei

gewissen Publikationen die Lücken, die der
Text an den Absätzen am Ende der Zeile
hat, durch Renaissanceornamente auszufüllen.
Dann glaubten unsere neuen Buchausstattungs-
künstler ihr Ziel erreicht zu haben, wenn die
Ornamente, die sie wählten, sich mit dem Bilde
der Buchstaben so in Eins vermählten, dasskein
Zwischenraum im Text zu entstehen schien,
denn ihr Geschmack und ihre Erfahrung waren
zu jung, als dass sie die Schönheit ihrer Vor-
bilder richtig gedeutet hätten. Auf die Dauer
hält man aber, sofern man noch Wert auf das
Lesen legt, den Brauch dieser neuen Ausstat-
tungskünstler nicht aus; der Lektüre eines Tex-
tes muss man überdrüssig werden, der nur auf
dem Niveau einer ornamentalen Dekoration zu
stehen scheint. Daher hat Kolo Moser in der
Ausstattung dieses Segantiniwerks einen Rück-
weg von richtiger Tendenz angetreten, als er
das Ornament, welches auch er in die Absatz-
lücken einschob, soleicht wählte, dass sich nun-
mehr Text und Ornament wieder voneinander
lösten. Indessen hat er für seine Ornamentik

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