Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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AUS DEM TAGEBUCHE

VON

EUGENE DELACROIX

IENSTAG 14. Juni. Ein Ar-
chitekt, der alle Bedingungen
seiner Kunst erfüllt, scheint
mir ein seltnerer Phönix als
ein grosser Maler oder ein
grosser Musiker. Für mich
liegt der Grund dafür in dem
absolut notwendigen Zusammentreffen eines
grossen praktischen Verstandes und einer
reichen Phantasie. Die zweckentsprechen-
den Einzelheiten, von denen der Architekt
ausgeht und die das Wesentliche sind, sind
wichtiger als alle Ornamente. Doch ist er
nur dann Künstler, wenn er dem Zweck-
mässigen, welches sein Thema ist, passende
Ornamente leiht. Ich sage passende. Denn
selbst, wenn er seinen Grundriss in allen
Punkten mit seiner Bestimmung in Einklang
gebracht hat, darf er diesen Riss nur auf eine
gewisse Art verzieren.

Es steht ihm nicht frei, die Ornamente zu
verschwenden oder ganz wegzulassen. Sie
müssen dem Grundriss ebenso angepasst werden,
wie dieser seiner Bestimmung. Die Opfer,
die der Maler und der Dichter der Anmut,
dem Reiz, der Wirkung auf die Phantasie
bringen, entschuldigen gewisse Verstösse gegen
die strenge Richtigkeit. Die einzigen Frei-
heiten, die sich der Architekt nehmen darf,
kann man vielleicht mit der vergleichen, die
sich ein grosser Schriftsteller nimmt, wenn er
sich gewissermassen seine eigene Sprache macht.
Er bedient sich derselben Ausdrücke, wie alle
Welt, und macht durch besondere Wen-
dungen neue Ausdrücke daraus. So giebt der
Architekt den Ornamenten, die allen Archi-
tekten zur Verfügung stehen, durch eine be-
rechnete und empfundene Anwendung eine
überraschende Neuheit und erreicht die
Schönheit, die seiner Kunst gegeben ist.

Wenn ein genialer Architekt ein Gebäude
kopiert, wird er es durch Veränderungen
originell machen. Er wird es seinem Standplatz

anpassen. Er wird in den Distanzen, in den
Verhältnissen eine Ordnung beobachten, die
es zu etwas Neuem machen wird. Die gewöhn-
lichen Architekten, unsere modernen Archi-
tekten können nur sklavisch kopieren. So
haben sie ausserdem, dass sie ein demütigendes
Eingeständnis ihrer Unfähigkeit geben, mit
ihrer sklavischen Nachahmung nicht einmal
Erfolg. Denn das Gebäude, das sie nach
einem fremden Muster errichtet haben, kann
sich niemals in genau denselben Verhältnissen
befinden, wie das Original. Sie können nicht
nur nichts schönes erfinden, sondern sie ver-
derben auch die schönen Erfindungen anderer,
die man zu seiner Ueberraschung unter ihren
Händen geistlos und unbedeutend wieder-
findet.

Diejenigen, welche nicht in Bausch und
Bogen kopieren, arbeiten sozusagen auf gut
Glück. Die Regeln lehren sie, dass man ge-
wisse Teile verzieren müsse, und sie verzieren
sie, ganz gleich, was das Gebäude für einen
Charakter hat und wie seine Umgebung be-
schaffen ist.

Heut besuchte mich der junge A.

Er sprach von Turner, der hunderttausend
Pfund Sterling zur Gründung eines Heims für
arme oder kränkliche Künstler hinterlassen
hat; er lebte kärglich mit einer alten Dienerin.
Ich erinnere mich, ihn ein einziges Mal bei
mir gesehen zu haben, als ich am Quai Voltaire
wohnte. Er machte auf mich einen mittel-
mässigen Eindruck. Er sah aus wie ein eng-
lischer Pächter; schwarzer ziemlich grober
Frack, derbe Stiefel, harter und kalter Gesichts-
ausdruck.

Ich sah die Ausstellung von Courbet, die
er auf zehn Sous ermässigt hat. Ich blieb fast
eine Stunde da und entdeckte ein Meisterwerk
in seinem refüsierten Bilde. Ich konnte mich

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