Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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JUSTUS BRINCKMANN

VON

ALFRED LICHTWARK

NT Hamburg ist das fünf-
undzwanzigjährige Bestehen
des Museums für Kunst und
Gewerbe auf eigenartige
Weise gefeiert worden, und
die staatlichen Ehrungen und
die Beweise der Freundschaft
und Verehrung der Fachgenossen haben sich
zu einer eindrucksvollen Huldigung für Justus
Brinckmann, den Gründer und Leiter des
Museums, zusammengefügt.

Als Denkmal der Stunde ist ein Buch von
dauerndem Wert erschienen. Es gehört äusser-
lich in den Rahmen der Festschriften, wie wir
sie bei solchen Gelegenheiten oft erlebt haben.
Innerlich ist es etwas ganz anderes. Denn die
dreiundvierzig Mitarbeiter, Freunde und Schü-
ler Brinckmanns — es sind auch die hervor-
ragendsten danischen und schweizer Fach-
leute darunter — haben nicht, wie das
Herkommen nahe legte, jeder einen Aufsatz
beliebigen Inhalts beigesteuert. Sie haben sich
vielmehr das Ziel gesetzt, die Lebensarbeit
des Mannes darzustellen. Jeder hat eine Ab-
teilung des Museums geschildert und beurteilt,
sodass das Ganze einen Führer durch das Museum
bildet. Eine Biographie Brinckmanns, als Ein-
leitungvorangestellt, bemüht sich, den Schlüssel
zum Verständnis der ganz ungewöhnlichen Ge-
samtleistung zu geben. Als den Hamburgischen
Behörden von der Absicht Mitteilung gemacht
wurde, haben sie mit der Bewilligung einer
grösseren Summe zur Bestreitung der Reise-
und Herstellungskosten geantwortet.

In der einfachen äussern Erscheinung hat
das Buch nichts von dem bei solchen Gelegen-
heiten üblichen Prachtwerk. Aber in seiner
volkstümlichen Wirkung dürfte es dazu bei-
tragen, dass bei künftigen Festschriften zu
Ehren eines verdienten Mannes in Deutschland
mit der Vorliebe für das lediglich repräsen-
tierende Prachtwerk gebrochen wird.

Wir bringen aus dem nicht im Buchhandel
erscheinenden Werke die Einleitung der Bio-
graphie, eine kurze Schilderung des Typus,
dem Brinckmann angehört.

Im Leben eines Volkes, das nicht still steht
und seiner Kraft und seinen Neigungen alle
Gebiete des Daseins zu unterwerfen trachtet,
tauchen von Geschlecht zu Geschlecht neue
Bedürfnisse auf, deren Befriedigung fortlaufend
neue Aufgaben stellt.

Diese neuen Aufgaben würden überhaupt
nicht oder doch nur mangelhaft gelöst werden,
wäre nicht zu ihrer Bewältigung eine beson-
dere Gattung von Kräften vorherbestimmt und
immer vorhanden.

Während die Menge ohne eine Ahnung
des dereinst Erwünschten oder Notwendigen
dahinlebt und ohne das Gefühl, ein Unrecht
oder eine Thorheit zu begehen, die Keime
künftiger Ernten vernichtet; während die be-
rufenen Fachleute, als Pfleger und Mehrer des
Ueberkommenen nach überlieferter Erfahrung
für feste Zwecke geschult, dem Ungewohnten
und Unerwarteten nur ausnahmsweise inner-
lich frei gegenüberstehen, haben jene Pionier-
naturen, deren Erziehung in der Regel ausser-
halb der Sphäre ihrer späteren Lebensarbeit
vor sich geht, schon ein lebendiges Gefühl für
Bedeutung, Richtung und Ziele der neuen
Strömungen, wenn alle anderen noch nichts
davon verspüren. Ihre ersten Aeusserungen
pflegen von den Fachleuten um so leichter
genommen und um so stärker bemängelt zu
werden, je weiter sie in die Zukunft weisen,
ihre ersten Forderungen stossen auf Hohn und
Spott, bei der Wiederholung auf Erbitterung.

Wer zur Lösung neuer Rätsel bestimmt ist,
hat von Haus aus nicht den Trieb, innerhalb
der gefestigten Ueberlieferung zu wirken.
Von unbändigem, eigenwilligem Streben nach

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