Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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JIAX LIEBERMANN GEZ.

CHRONIK

BERLIN

s ist vielfach in Vergessenheit gerathen,
dass im Jahre 1859 Herman Grimm in
einer Broschüre sich über das Unwesen
der berliner Akademie oder, um ge-
rechter zu sein, der Akademien, aus-
gesprochen hat. Die Schrift erregte
ihrer Zeit Aufsehen und der damalige Minister
von Bethmann-Hollweg war mit dieser Broschüre
sehr einverstanden. Hauptgesichtspunkte der
kleinen Schrift, welche mit den nichtprophetischen
Worten schloss: „Heute ist die Macht dieser An-
stalten vorüber11, waren, ob eine Anstalt, in der von
Staatswegen junge Leute zu Künstlern gemacht
werden, eine Möglichkeit sei; ob ferner der Staat
von einer Art des Malens erklären könne: diese
Art zu malen, ist die richtige, normale. Grimm
erklärte weiter, der Staat habe überdies nicht ein-
mal ein Recht, ein derartiges Unternehmen zu
führen. Er bilde Beamte, Offiziere, Ärzte aus: er
brauche sie und ihnen könne er sagen: dient mir
in der Weise, wie ich es verlange. Aber wenn
die Künstler fertig erzogen wären, was solle dann

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mit ihnen geschehen? Prämien und Unterstützun-
gen bekämen sie freilich, auf Grund eines bureau-
kratischen Prüfungswesens; doch die Unwahrheit
des Verhältnisses zwichen Staat und Kunstjüngern
werde dadurch nur um so schlimmer. Der Staat
dürfe keine verführerische Zukunft denen vor-
öialen, die er später naturgemäss im Stich lassen
müsse. Der Staat dürfe überhaupt nicht etwas so
Grundfalsches als wahr hinstellen, dass Kunst lehr-

bar sei und auf diesen falschen Satz eine öffent-
liche Anstalt begründen.

Kunstgewerbe.

Die grau-ehrbare Akademie Unter den Linden
erlebt, ehe sie in Frieden eingeht, noch einen
bunten Stilkarneval, und da Anton von Werners
Korporalstock hier nicht mehr regiert und das
Haus vogelfrei ist, leben sich hier allerlei künst-
lerisch-dekorative Launen aus, dass die Wände
wackeln. Ja sie stürzen sogar ein und neue wach-
sen auf, goldgeädert, und weisse Stäbchenarchitek-
turen; die strenggezogenen Räume verschieben
und wandeln sich pittoresk; luftiger Wiener
Sezessionsfrühling blüht unter den Augen des
Alten Fritz. Diesen farbigen Kehraus hat der Ver-
ein für „Deutsches Kunstgewerbe" insceniert. Er
wollte in einer Kollektivausstellung Dokumente
berliner dekorativer Kunst zeigen. Eine Summe
grosser opferfreudiger Arbeit steckt in dem heiter-
festlichen Bild dieser Architekturmetamorphose
und bester Wille, dem neuen Geist zu dienen.
Doch der letzte Eindruck bleibt: es ist keine
Kunstgewerbeausstellung, sondern eine Gewerbe-
ausstellung, in der auch Künstlerisches sich fin-
det. Und die Kritik dieses Ensembles — deren
wissende und erfahrene Leiter sich über die
Schwächen dieser Veranstaltung nicht erst von
dem Referenten belehren zu lassen brauchen —
steht selbsterkenntnisvoll gleich auf der ersten

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