Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Siebentes Heft. Inhalt: Jan Veth, pro arte .. Delacroix, aus dem Tagebuche .. Lovis Corinth, Carl Strath-

mann . . Oswald Sickert, anderthalb Jahrhunderte englischer Malerei . . Chronik: Berlin, Dresden,

Köln, Paris . . Buchbesprechung . . Zeitschriftenschau.

PRO ARTE

VON

JAN VETH

THEOPHILE Thore war in seinen jungen
Jahren der vertraute Freund des grössten
Landschaftsmalers der glorreichen französischen
Romantik. Er wohnte mit Theodore Rousseau
unter einem Dach und erquickte sich an dem
Vielen, was den Enthusiasmus des reichbegabten
Künstlers rege hielt. Von Rousseau wurde er
in die Herrlichkeit der Natur eingeführt;
durch ihn lernte er die schöne Sprache der
erleuchteten Maler verstehen; und nie hörte
er auf, es sich zur Ehre zu rechnen, gegen die
Menschen die Auffassungen verfochten zu
haben, welche dieser seltene Geist ihm offen-
bart hatte.

Die „salons" von Thore liegen da als ein Be-
weis dafür, welch ein warmes und edles Ver-
ständnis für das Wesentliche der Kunst den
regen Autor beseelte in seinen Zeugnissen
gegen die verschrumpften Auffassungen des
Philisteriums. Durch Rousseau lernte er auch
die alten holländischen Maler lieben, die er

später in der Zeit seiner Verbannung mit Ge-
wissenhaftigkeit studiert und beschrieben hat.

Zwölf Jahre später kehrte Thore in sein
Vaterland zurück und beeilte sich, seinen alten
Freund aufzusuchen, der ihn in Barbizon
wie einen Bruder empfing. Sie wurden mit
ihren alten Erinnerungen nicht fertig und man
kam vom hundertsten in's tausendste. Aber
schon bald berührte es Rousseau peinlich, dass
der warme Kunst-Enthusiast von früher zum
Teil in einen gelehrten Inventarmacher um-
gewandelt war, der sich mehr um das histo-
rische Detail als um die wesentliche Wirkung
des Kunstwerks kümmerte.

Er behielt diese Trockenheit sogar auch
noch dann einigermassen, wenn er über Rem-
brandt, seinen Lieblingsmeister sprach. Von
Bildern sagte er: in dem Jahr, schwer aufge-
tragen oder mit Lasuren oder mit den und
den Farben gemalt. Er verbreitete sich dar-
über, wie dieser oder jener Meister zu einem

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