Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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IIOKUSAI, SPAZIERGANGER, HOLZSCHNITT, AUS DER WIENER IMI'KESSIONISTENAUSSTELLUNG

DIE IMPRESSIONISTENAUSSTELLUNG
DER WIENER SECESSION

DER jetzige Leiter des Theätre Francais hat
in seinem Leben immer viel Glück gehabt.
Ursprünglich ein sehr mittelmässiger Verfasser
von Romanen und Theaterstücken wurde er,
da man sich auf einen grossen Autor nicht
einigen konnte, nach dem Scheiden Perrins ,
zum Direktor der Comedie Francaise er-
nannt, wenngleich er für die Güte des Theater-
spiels nicht mehr Verständnis hatte als
Schöpferkraft für die Litteratur. Der „Temps"
und die „Indcpendance Beige" wollten aber
auch jetzt noch nicht auf diesen Mann des
gefälligen Plauderns verzichten, der jeden Tag
zwei Feuilletons aus dem Aermel schüttelte
und besonders wegen seines Wissens von Un-
wichtigkeiten berühmt war, das ihm erlaubte,
beim Tode von Celebritäten alle Anekdoten
aufzutischen, die über den Betreffenden im
Umlauf waren. Wenigstens hörte Claretie in
neueren Zeiten auf, auch Kunstkritiken zu
schreiben — und zwar so gründlich, dass dies
das erste war, was er in seinem Leben gründ-
lich tat. Man hat völlig vergessen, dass er in
seiner Jugend auch als Kunstkritiker fungiert
hatte. Dabei ist er derjenige Kunstkritiker
gewesen, der, wenn ich mich nicht irre, zum
ersten Male in der Litteratur das Wort Im-
pressionismus gebraucht hat.

Dieses Wort hat seitdem, wie sein Autor,
unverdientes Glück gehabt und wird mit
der Vorstellung, welche wir mit den Namen
Manet, Monet, Renoir, Sisley und Pissarro
verbinden, jetzt unlöslich verknüpft.

Der Ausdruck ist freilich nicht so gut ge-
baut und hat nicht die Unerschütterlichkeit,
die wir bei solchen Worten antreffen, die von
grossenLitteratoren gebildet worden. Nehmen
wir das Wort Nihilist zum Beispiel. Es stammt
von dem grossen Dichter Turgenjeff. Mit
einem Schlage empfinden wir, was ein Ni-
hilist ist. Eine so vollständige Bezeichnung
ist der Ausdruck Impressionismus nicht; das
Wort ist vielmehr nur, wie der Autor, der es
zuerst in die Literatur gebracht hat, ober-
flächlich. Es ist, anstatt die Sache auszu-
drücken, nur eine Bezeichnung des Eindrucks,
den die Sache zuerst erzeugt.

Das Wort hat aber Schule gemacht, es ist von
den Malern selbst weiter gepflanzt worden und
jetzt ist nicht mehr gegen den Ausdruck Im-
pressionismus anzukommen. Er trug indessen
Schuld, dass eine Wirkung, die zuerst aufge-
fallen war, den Künstlern in die Schuhe ge-
schoben wird. Man nimmt an, die Impressio-
nisten gäben etwas Flüchtiges — tatsächlich
sind sie Meister eines hervorragenden, gründ-

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