Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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AUS DEM TAGEBUCHE

VON

EUGENE DELACROIX

UM ein Bild zu vollenden, muss man es andere, um eine Idee in der Malerei wieder-
immer etwas verderben. Die letzten Striche, zugeben. Sicher kann eine Malerei sehr schön
die die Harmonie zwischen den einzelnen Teilen sein, ohne dass man die Pinselführung sieht;
herzustellen bestimmt sind, zerstören die Frische, aber es ist kindisch, zu glauben, dass man sich
Um vor dem Publikum zu erscheinen, muss dadurch dem Eindrucke der Natur nähert. Da
man die glücklichen Nachlässigkeiten ablegen, könnte man ja ebensogut kolorierte Reliefs
die die Leidenschaft des Künstlers sind. Ich auf seinem Bilde anbringen, unter dem Vor-
vergleiche diese mörderischen Retouchen mit wände, dass die Körper rund sind,
jenen banalen Ritornellen, mit denen alle Arien Es giebt in jeder Kunst allgemein adoptierte
schliessen, und den unbedeutenden Zwischen- Ausdrucksmittel und man ist ein unvoll-
sätzen, die der Musiker zwischen die interes- kommener Kenner, wenn man in diesen
santen Partien seines Werkes setzen muss, um Andeutungen des Gedankens nicht zu lesen
von einem Motiv zum anderen überzuleiten, vermag. Zum Beweise sehen wir, dass der Laie
oder sie zur Geltung zu bringen. Dennoch die glattesten Bilder allen anderen vorzieht,
sind die Retouchen nicht ganz so unheilvoll und zwar weil sie glatt sind. Uebrigens hängt
für das Bild, wie man glauben könnte, wenn in dem Werke eines wirklichen Meisters alles
das Bild gut gedacht und mit Empfindung von der Distanz ab, aus der das Bild gesehen
ausgeführt ist. Die Zeit löscht die Pinselzüge werden soll. Auf eine gewisse Distanz gehen
aus, die ersten ebenso wie die letzten, und die Pinselstriche zusammen, aber sie geben
giebt dem Werke seine definitive Haltung. der Malerei einen Nachdruck, den die ver-

« schmolzenenTöne nicht hervorbringen können.

Wenn man übrigens das ausgeführteste Bild ganz

Glanzlicht (Nachtrag). Je glatter oder aus der Nähe ansieht, so wird man noch
glänzender ein Gegenstand ist, um so weniger Spuren von Pinselstrichcn und Druckern ent-
sieht man seine eigentliche Farbe; er wird that- decken . . . Man käme da zu dem Schlüsse,
sächlich zu einem Spiegel, der die ihn um- dass eine breitgestrichene Skizze nicht so gut
gebenden Farben zurückwirft. gefallen könnte wie ein sehr ausgeführtes Bild

Jugendliche Körper. Ich sagte irgendwo, oder vielmehr wie ein Bild ohne jede Spur von

dass bei ihnen die Schatten heller sind. Sie Pinselführung, denn es giebt recht viele Bilder,

haben etwas zitterndes, unbestimmtes, das dem bei denen man gar keinen Pinselstrich sieht

Dunst gleicht, der an schönen Sommertagen und die doch durchaus nicht fertig sind,

von der Erde aufsteigt. Rubens, dessen Art Der Pinselstrich dient, in passender Weise

sehr formell ist, macht seine Frauen und angewendet, dazu, die verschiedenen Pläne

Kinder älter. der Objekte deutlicher festzustellen. Kräftig

Grau und erdige Farben. Der Feind jeder und breit, bringt er sie nach vorn; im entgegen-
Malerei ist das Grau. Die Malerei wird fast gesetzten Falle lässt er sie zurücktreten. Sogar
immer grauer aussehen, als sie ist, weil sie bei kleinen Bildern stört der Pinselstrich nicht,
schräg zum Lichte zu stehen kommt. Man kann einen Teniers einem Mieris oder

Pinselführung. Viele Meister haben ver- einem van der Meer vorziehen,

mieden, sie merken zu lassen, sicherlich in der Was soll man von den Meistern sagen, die

Meinung, sich dadurch der Natur zu nähern, in trockner Weise den Kontur betonen und

die ja thatsächlich keine Pinselstriche aufweist, die Pinselführung verstecken? In der Natur

Die Pinselführung ist ein Mittel, wie jedes giebt es ebensowenig Kontur wie Pinsclstriche.

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