Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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Zehntes Heft. Inhalt: Jan Veth, Rheinreise I . . . Emil Heilbut, die Ausstellung am lehrter Bahnhof. . .
M. J. Friedländer, die Restaurierung des Paumgartner-Altares . . . Eugene Delacroix, aus dem Tage-
buche . . . Chronik: Berlin, Dresden, Wien, London, Edinburg . . . Bücherbesprechungen . . . Zeit-
schriftenschau.

RHEINREISE

VON

JAN VETH
I.

Ihr wollt mit schwachen Händen
Fortsetzen das unterbrochene Werk,
Und die alte Zwingburg vollenden!

O thörichtcr Wahn!.........

EINES hänselnde Prophe-
zeiung, dass trotz allem
Sammeln und aller Beiträge,
trotz allem Betteln und in
die Geldbörse Greifen der
Dom von Köln doch niemals
vollendet werden würde,war
scheinbar eine sehr gewagte.

Denn: vollendet steht er doch, denkt der
heutige Leser im warmherzigen Deutschland,
der ohne weiteres wenigstens dem Zeugnis der
Steine glaubt. Aber: vollendet wird er doch
nicht, müsste der, welcher die Sache etwas
tiefer ergründet, dem zu leicht zufrieden Ge-
stellten ernüchternd entgegenwerfen.

Nein, der Westfront-Plan von Meister Jo-
hannes, der noch in einer der Chorkapellen

gezeigt wird, wurde nicht in Wirklichkeit zu
Ende ausgeführt und der Kölner Sankt Peter,
so wie er von unsrer Zeit abgeliefert steht, ist
nur ein Trugbild der imposanten Konzeption
Gerhard von Riels. Das Baubedürfnis des
frommen XIII. Jahrhunderts, sich erhebend auf
unendlich breiterer Basis als der eines einzigen
Menschengehirns, konnte nie durch die Hände
unserer Zeitgenossen befriedigt werden. Der
endliche Sieg des Jahrzehnte hindurch mit dem
Klingelbeutel umherziehenden Domvereins ist
schlimmer als eine Niederlage, denn der riesige
Steinkoloss ist nun ein mit platter Schablonen-
kenntnis fertig gepreschtes Bruchstück, ein
grade durch seine äusserliche Vollkommenheit
auf das jämmerlichste verstümmeltes Monu-
ment geworden.

Besser wäre es gewesen, hätten spätere Jahr-
hunderte das als ein Fragment unberührt ge-
lassen, was alte Zeiten aus dem Wachstum
ihrer lebendigen Kultur in voller SchafFens-

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