Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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gewöhnlichen kleinen Massstab überschreiten. Das
ist sicher ein Irrtum; zum Beweise möchte ich
ihn auf ein Bild von Guardi hinweisen, das kürz-
lich für die Berliner Galerie erworben wurde. Es
stellt den Aufstieg eines Luftballons über der Giu-
decca dar. Die Figuren im Vordergrunde sind
ungewöhnlich gross, und müssten danach, wenn
wir Modern folgen wollten, von G. B. Tiepolo
gemalt sein. Dies ist schon aus künstlerischen
Rücksichten unwahrscheinlich; denn denkt man
sich die Figuren fort, so fällt auch die ganze land-
schaftliche Komposition in sich zusammen; sie ist,

des Verfassers ist der neuesten Zeit zugewandt,
und nur gelegentlich wird zur Exemplificierung
auf entferntere Perioden zurückgegriffen. Es
kommt ihm besonders darauf an, das Wesen der
genannten Vorwürfe und ihre Bedeutung für die
heutige Zeit, ja man kann vielleicht sagen, für das
heutige Frankreich, zu schildern. Es handelt sich
also vor allem um psychologische Untersuchungen,
die aus dem Zeitgeist heraus die künstlerische Auf-
fassung zu erklären und die Berechtigung dieser
oder jener zu ergründen versuchen; die zu er-
forschen trachten, wie sich der Zeitgeist in den

wie fast in allen ähnlichen Bildern Guardis, ganz Werken der Kunst spiegelt. Ruskin, dem der Ver-

mit den Figuren zusammen gedacht und erfunden.
In unserem Bilde besitzen wir aber einen un-
widerleglichen äusseren Beweis dafür, dass sie
nicht von Tiepolo herrühren können. Die ersten
Versuche mit dem Aufstieg eines Luftballons
machte Mongolriere bekanntlich im Jahre 1784,

fasser früher eingehende Studien gewidmet hat,
ist nicht ohne Einfluss auf die Art seines Denkens
geblieben. Einem Schriftsteller wie Robert de la
Sizeranne, der durch seine feinsinnige Betrachtung
psychologischer und ästhetischer Probleme, durch
die Grazie und Delikatesse seines Vortrags immer

erst ein oder mehrere Jahre später kann in Ve- anzuregen weiss, folgt man gern, auch wenn man

nedig der erste Aufstieg eines Luftballons erfolgt
sein. Damals war aber der alte Tiepolo längst tot;
er war am 27. März 1770 in Aladrid gestorben,
wohin er bereits 1763 übergesiedelt war. Guardi,
der erst 1793 in Venedig starb, also dreissigJahre,
nachdem sein Schwager seine Vaterstadt für immer
verlassen hatte, hat seine breit behandelten Ge-
mälde mit reicher und grösserer Staffage gerade
in seinen späteren Jahren gemalt und hat sie schon
deshalb nicht mit Tiepolos Hilfe ausführen können.
SeineBildersindganz von seiner Hand, auchBilder,
in denen das Figürliche so vorwiegt, wie im „Mas-
kenball" des Museo Correr und in einem ähn-
lichen Bild, das 1890 mit der Sammlung Piot zu
Paris versteigert worden ist. Wilhelm Bode.

R. de la Sizeranne, le Miroir de la Vie. Paris,
Hachette et Cie 1902. — Der Titel kündigt an,

ihm nicht überall beizustimmen vermag. Uns
Deutsche berührt es z. B. sonderbar, einen so tief
ernsten und von allemManiericrten und Raffinierten
entfernten Künstler wie Fritz von Uhde mit Jean
Beraud als Vertreter derselben Darstellungsweise
biblischer Stoffe auf die gleiche Stufe gestellt zu
sehen. Das allgemein Stoffliche gewinnt seinen
Charakter und seine bestimmte Note in heutiger
Zeit doch immer erst durch die Individualität des
Künstlers. Durchgehende Tendenzen oder gar
Regulative für die Zeit, ja nur für ein einzelnes
Land aufstellen zu wollen, hat etwas Missliches.
Das Ikonographische spielt heute nicht mehr die
Rolle wie in früheren Jahrhunderten, wo die
Künstler an allgemein anerkannte, verstandene
und gewürdigte Auffassungen gebunden waren.
Wenn der Verfasser in Bezug auf die Karikatur

unter welchem Gesichtspunkt die Kunst in diesem sagt: c'est donc lc modernisme que toujours eile

Werke betrachtet wird. Es handelt sich nicht um
eine Analyse der Formen, um ein Nachspüren und
Aufzeigen rein künstlerischer Qualitäten, sondern
der Inhalt einer bestimmten Gattung von Kunst-
werken, das Gegenständliche wird in den ver-
schiedenen Phasen der bisherigen Entwickclung
und in verschiedenen Darstellungsmöglichkciten
vorgeführt. Aus der Kunst wird für das Leben
abstrahiert. Regarder l'Art pour mieux voir la
vie, steht am Anfange des Buches. Der Grundsatz
Part pour l'art, der einst von Frankreich aus ver-
kündigt worden war, tritt gänzlich zurück.

Dieser Wechsel der künstlerischen Ausdrucks-
formen in den auf einander folgenden Zeitläuften
und unter sich verändernden Kulturbedingungen
wird an vier Beispielen veranschaulicht, welche die
Hauptabschnitte des Buches bilden: L'csthetiquc
des batailles, la caricature, la modernite de TEvan-

attaquera, so können wir ihm unsere besten neueren
Karikaturen, die der Simplicissimus-Künstlcr ent-
gegenstellen , deren Tendenz gerade gegen alles
Alte und altmodische gerichtet ist. Auch eine
wichtige, immer stärker hervortretende Richtung
der modernen Karikatur, die sociale, scheint mir
nicht genügend berücksichtigt zu sein. Am glück-
lichsten dünkt mich der Verfasser in dem letzten
Abschnitte über das Kinderporträt. Mit einer
wunderbaren Feinfühligkeit hat er sich in die
Psyche des Kindes vertieft. — Bei einer solchen Art
der Kunstbetrachtung kommt alles darauf an, in
welchem Gewände das Dargebotene erscheint.
Reich an geistvollen Einfällen, von dem Stand-
punkt eines feinen Beobachters gesehen, mit einer
von einem sensitiven Temperament durchwärmten,
eleganten Sprache erweckt es ein lebhaftes Inter-
esse, und man darf der zweiten Serie der Aufsätze

gile, les portraits d'enfants. Das Hauptinteresse gespannt entgegensehen. Werner Weisbach.



REDAKTION: BERLIN W 35 DERFFLINGERSTRASSE 16
VERANTWORTLICH FÜR DIE REDAKTION: BRUNO CASSIRER, BERLIN. DRUCK DER OFFIZIN W. DRUGULIN, LEIPZIG
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