Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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BEMERKUNG
ZU DEM AUFSATZ ÜBER DIE SAMMLUNG HIRSCHSPRUNG

Emil Hannovers geistvoller Aufsatz, der in
jeder Wendung die tiefste Kenntnis seines
Stoffes offenbart, wird in Deutschland die den
Freunden der dänischen Kunst wohlbekannte
Bedeutung der Sammlung Hirschsprung wei-
teren Kreisen erschliessen.

Es heisst, das Schicksal der Sammlung sei
noch nicht entschieden. Soweit in Deutsch-
land bekannt ist, hat der Besitzer sie der Stadt
Kopenhagen unter der Bedingung angeboten,
dass sie ein Museum dafür baut. Wie es
scheint, bestehen Zweifel über die Gestaltung
des Museums. Verfechter des geltenden Ab-
straktums mit Oberlichts'älen und dem ganzen
Drum und Dran von Prunktreppe und Riesen-
vorhalle werden auch in Kopenhagen mit Be-
fürwortern einer sachlichen Lösung im Streit
liegen.

Welche Auffassung durchdringen wird, ist
für deutsche Zustände nicht gleichgültig. Denn
nirgends leidet das Bedürfnis heftiger unter
der unangemessenen Form als in Deutschland.
Wie viele Sammlungen giebt es, die mensch-
lich untergebracht sind.

Wer von Deutschland jetzt nach Kopen-
hagen blickt, kann den Wunsch nicht unter-
drücken, dass man für die feine innerlich
wertvolle Sammlung Hirschsprung nicht ein
Museum sondern ein Haus bauen möchte, ein
einfaches stattliches Haus, wie man sie noch
bis 1860 auch in Dänemark zu bauen ver-
stand, und wie sie heute in der Umgebung
Kopenhagens von fühlenden Architekten aufs
neue errichtet werden. Wer diese neuen Häuser
gesehen hat, gerät in Versuchung, den Namen
des Mannes zu nennen, der das Haus für die
Sammlung Hirschsprung aufführen müsste.

In diesem Hause dürfte es nur Seitenlicht
geben aus dem breiten Fenster mit der hohen
Fensterbank, das auch in Dänemark das urein-
heimische ist. Jedes Zimmer müsste für sich ab-
geschlossen am Korridor liegen mit einem
Eingang. Nur diese Anordnung bietet die Ge-

währ, dass der Betrachtende vor dem Schieben
undStossender bloss durchrennenden Mehrzahl
geschützt ist. Alle unsere Museen leiden dar-
unter, dass die Zimmer und Säle zugleich Korri-
dore sind. Und in diesen Zimmern mit ruhigem,
natürlichem Licht aus einem Fenster müssten
die Bilder, um wirklich zu wohnen, mit den
einfachen und traulichen dänischen Möbeln
in Gesellschaft leben, die einst in den Zimmern
standen, für die sie bestimmt waren. Ein Tisch
gegen eine Wand geschoben, giebt selbst in
der Einöde unserer Oberlichtsäle den Bildern
schon einen Halt. Will man durchaus ein paar
Säle mit Oberlicht, so mögen die Bilder hinein-
kommen, die seit 1880 entstanden sind. Die
können es vertragen, denn sie sind ausgerüstet,
sogar in modernen Ausstellungen das Leben
zu behalten. Das Feinste, was die dänische
Kunst des neunzehnten Jahrhunderts hervor-
gebracht hat, wird vom Oberlicht erstickt,
und grosse Säle fressen es auf.

In einem solchen Hause wird die Sammlung
Hirschsprung eine Beschämung und eine Mah-
nung für Deutschland sein können. Wo hat
sich in Berlin, Dresden, München, Hamburg
oder sonst in Deutschland ein Sammler ge-
funden, der, wie Hirschsprung, zu retten ge-
trachtet hätte, was Wertvolles am Ort ent-
standen ist? Nicht einmal die Museen haben
es für ihre Pflicht gehalten. Und wo ist in
absehbarer Zeit bei uns die Möglichkeit ge-
boten, dass ein Museumsbau errichtet wird, der
nicht nur als Vorwand für eine wertlose aber
kostspielige Fassade dient sondern vom Be-
dürfnis aus entwickelt wird?

Eine solche Chance, wie sie jetzt Kopenhagen
hat, das Museum mit schlichtem, vornehmem
Aeussern und behaglichem Innern zu bauen,
das den Dingen und Besuchern einen wohn-
lichen Aufenthalt bietet und nicht bloss zum
Durchlaufen dient und verleitet, sehe ich leider
in Deutschland nirgend.

Alfred Lichtwark

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