Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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sehr unrecht sein, gegen Hofmann den Gemein- wichtige und naive Art seines Geistes hält Thoma
platz auszuspielen, dass Rembrandt grösser sei. sich bei Seite. Eine träumerische Poesie, mit einer
Rembrandt ist die grösste Erscheinung, die die gänzlichen Realität ausgedrückt; Subtilitäten und
Kunst der neueren Zeit gesehen hat, und es hiesse unendliche Zartheiten." Es ist wahr, dass selbst in
in den abscheulichen Wegen einer blutrünstigen der Gazette des Beaux-Arts ein Mitarbeiter wie
und engherzigen Kunstkritik wandeln, wollte man ihr damaliger Kritiker Dutanty nicht zu den all-
die Gestalt Hofmanns durch die Rembrandts zer- täglichen gehörte. Seine Berichte fallen auch in
malmen lassen. Auch ist an dem Orte der Aus- dieser durchweg hervorragend geschriebenen Zeit-
stellung selbst Hofmann eine Revanche gegeben. schrift auf. Immerhin schrieb dies die Gazette
Dort hängen an einer Wand vereinigt Photo- des Beaux-Arts gelegentlich der münchener Aus-
graphiennach erlesenen Werken und Skizzen Hof- Stellung von 1879 über Hans Thoma, der damals
manns, an der Rückwand aber Photographien nach in seiner besten Periode stand. Die deutsche
weltbekannten Bildern Burne-Jones1. Hofmann Bewunderung schwieg sich noch über Thoma aus;
wirkt gegenüber Burne-Jones wie Jugend, Glück, unsere Zeitschrift für bildende Kunst erwähnte
holdeBlumenundSonne, Burne-Jones ganz modrig, in ihrem Leitartikel über die münchener Aus-
stilgetränkt, konventionell. Freilich ist Hofmann Stellung nicht einmal Thomas Namen. Cosima
nie glücklicher als wenn er entwirft. Trotzdem er Wagner hat viel für Hans Thoma gethan. Seit 1882.
einen entzückenden Oberkörper bei der Jungfrau besuchte Thoma regelmässig die bayreuther Vor-
auf seinem grossen Idyll durchgebildet hat, muss Stellungen. Nach der Ausstellung von 1879
man sagen, dass er nie glücklicher als im Improvi- mussten noch elf Jahre vergehen, ehe Thoma zu
sieren,zarteAndeutungenmachenundsichinIdeen deutschem Ruhme gelangte. Mit der münchener
ausgeben ist. Und häufig versagt er, wenn er über Ausstellung im Mai 1890 kam nachträglich die
das ihm eigene Gebiet geht: in der Ausstellung Glorie über den deutschen Meister,
mit einem Gottvater (in solchen Kompositionen ist * *
Burne-Jones ein wenn auch nicht origineller, so doch

seiner sicherer Meister). Reizend sind seineTänzer- In jenem Bericht der Gazette des Beaux-Arts

innen vor einer feurigen Lohe. Und einen sehr über die münchener Ausstellung von 1879 fällt

schönenlandschaftlichen Eindruck giebt er in seinem neben der Einsicht des Urteils auch auf, wie wenig

Bergbild von Schreiberhau. vonRichtungen in ihm die Rede ist: der Verfasser

„ + pickte nur die Begabungen auf und kümmerte sich

nicht um Richtungen. Einen amüsanten Gegensatz
Von der Ausstellung Thoma, die vor der Aus- dazu bietet der schon erwähnte Leitartikel unserer
Stellung Hofmann stattfand, hängen noch einige Zeitschrift für bildende Kunst, dessen Verfasser
Reste da. Sie hatte im ganzen eine nicht glückliche sich über die Richtungen auf der damaligen Kunst-
Auswahl geboten, es wargewisszuschwergewesen, ausstellung verbreitete, aber vergessen hat, Hans
eine Fülle von Thomas guten Bildern aus Privat- Thoma zu sehen . . .
besitz wieder hervorzuziehen. Bei Bildern, die *

ganz ohne Malkunst waren (z. B. Porträts von Dieses Haften anRichtungen ist eine böse Eigen-
Damen auf einem Hintergrunde, auf den blaue tümlichkeit unserer Kunstkritik. Man denkt
Luft geradezu hingestrichen war), begegnete man nicjlt genug ans Persönliche der Künstler, man
dennoch dem Urteil, das seien Werke, die für den denkt zu sehr ans Persönliche der Kritiker. So
deutschen Genius typisch seien. Überhaupt fand auch erklärt sich der Erfolg, den jetzt ein Künstler
selbst diese wenig gute Thoma-Ausstellung im w[e Kubin findet. Mit Goya hat man sich gegen-
deutschen Blätterwald rauschenden Erfolg. Daher wärtig viel beschäftigt und Klinger hat die Auf-
erscheint es interessant, zu den Urteilen zurück- merksamkeit in hohem Masse erobert. Da jetzt
zugehen, die ehedem über Thoma gefällt wurden. der jungenochunausreichendeKubinauftrat,soge-
Als bewundernswert redigiert erweist sich die nügte seine auf das Visionäre hinzielende Richtung
Gazette des Beaux-Arts. Über Thoma schrieb sie/;;/ manchen deutschen Schriftstellern, um Aufsätze
Jahre 187p: „In einer Flucht nach Egypten, die in über diesen jungen Mann zu verfassen, obwohl er
einem grossen Gefühl von tiefem und gesammeltem bisher noch gar keinen Anlass zu Abhandlungen ge-
Frieden aufgefasst ist, hat er eine Familie seiner währt. Von unsern deutschen Kunstschriftstellern
Freunde, in ihrer häuslichen Tracht ungefähr, muss man 0ft noch jetzt wie anno 79 sagen, dass
porträtiert und sie in eine Landschaft gesetzt, die s[e nicht genug das Talent zur Grundlage für ihre
merkwürdig an Einfachheit, Wahrheit und Ein- Erörterungen über künstlerische Fragen machen,
druck ist. Seine Gemälde sind vielleicht die, welche H ,
sich in der münchener Ausstellung am meisten

abheben. Durch das beruhigende Grau, Blau und Ein „Salon aller Künste" wird uns als neueste

Grün, durch die zusammengehaltene ruhige, ge- Gründung für nächsten Herbst angesagt. In

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