Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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nicht an diese wunderbaren Gebilde seines Traums;
aus den bläulichen Rauchlinien seiner Cigaretre
stiegenihmTänzerinneninschmiegsamenSchleiern;
die tropfenden Wachskerzen am Spiegel boten
ihm heiligtolle Ornamente; aus Tapetenmustern
oder alten Spitzen oder bemalten Fächern trat ihm
ein versunkenes Leben in die Erscheinung. Des-
halb hasste er das wirkliche Wesen mit all seinem
Lärm und seiner Grellheit, hasste sein eigen Werk
oder verachtete es mit der souveränen Geste des
grossen Herrn.

Ein prince of oddities, ein Fürst allerlei un-
heimlichen Traumgetiers und gespenstischer Ver-
gangenheiten, von allem Sündhaften wie von allem
Menschlichen abgekehrt, schuf er sich aus den
Kulturen und Stilen eine eigene Welt ausserhalb
alles Erdenhaften, die wir nichtbeschreiben können,
ebensowenig wie etwa die Welt eines andern
Planeten, weil wir keine Analogien und Massstäbe
haben. Darum auch erscheinen uns die Be-
schreibungen Kleins so schwer und allzu sinnlich.

Vielleicht kommt man dem Phänomen der
Beardsleyschen Kunst am ehesten näher, wenn man
alle die Elemente, aus denen er seinen Zauber-
trank braute, die litterarischen und künstlerischen
Anregungen, die er empfing, möglichst reinlich
und gesondert nebeneinander stellte: die breite
Flächenbehandlung verband ihn mit der Monu-
mentalkunst der asiatischen Völker. Die andeuten-
den und sparsamen Linien, die als Ganzes ge-
gebenen Haare erinnern an Egypter und Assyrer.
Die groteske und scharflinige Manier der grie-
chischenVasenmalerei stellt er neben eine minutiöse
Beobachtung der feinsten Bewegungen, wie er sie
bei den Japanern gesehen. Mit ihnen hat er auch
die graziöse bizarre Dekoration der Fläche gemein,
tropfende Striche, eine behutsame leichte Art.
Das Quattrocento erkennt man an harten über-
charakteristischen Linien, an einer eckigen, steifen
und bösartigen Manier, die sich recht in Gegen-
satz stellt zu der weichen, träumerisch ver-
schwommenen Quattrocento-Nachahmung des
Burne-Jones. In den beiden Porträts Mantegnas
und Botticellis hat er diese beiden Seelen der
Frührenaissance, die strenge stolze und die zarte
leidende, wunderbar ausgeprägt. Der verzwickten
und gedrückten Art Dürers, die aber heimlich
innen den tiefen Schatz des Gemütes bewahrt,
hat er im Titelbild zu ßjörnsons ,,Ueber unsre
Kraft I" (Pastor Sang) gehuldigt. In seinen letzten
Werken tritt besonders die barocke Spätrenaissance
und das Rokoko hervor. Es ist aber eine arge
Verkennung der psychologischen Erscheinung, die
Beardsley repräsentiert, wenn Klein auf Grund
der üppigen und ausladenden Illustrationen zum
„Volpone" nun eine Gesundung des Künstlers
konstatieren will. Was da für indisch und gesund
und lebenzeugend angesehen wird, ist einfach der

geistige Ausdruck der Spätrenaissance, die Ben
Jonson verkörpert. Dieses wild-satirische tolle
Lustspiel vom „Herrn von Fuchs", dem gemeinen
Betrüger, bedurfte solcher Ornamente, ebenso
wie Popes Lockenraub im zierlichen Rokokostil
mit Puderquaste und Spitzenhöschen dargestellt
werden musste. Da hat denn nun in diesen
Rosetten und Guirlanden, in diesen zarten spinne-
webfeinen Draperien und Verzierungen, in den
schlanken zerbrechlichen Tischen und Stühlen, in
den gezierten fingerspitzen Gebärden die Kunst
der grossen Rokokostecher, einesMoreau-le-jeune,
Gravelot, Eysen auf ihn gewirkt. Früher hatte er
im Stil Gavarnis seine Lektüre von Balzacs „contes
drolatiques" und Madame Bovary aufs Papier ge-
zeichnet, Puvis de Chavannes und Burne-Jones
waren seine ersten Vorbilder.

Es ist ein langes Verzeichnis, das sich da ergiebt;
aber es hat sich schon gezeigt, dass diese rein
formalen Anlehnungen bei Beardsley immer aus
einem kulturellen Zeitgefühl entsprangen, das
ihm zum Ausdruck seiner Empfindungen über
eine bestimmte Epoche den Stil dieser Zeit auf-
nötigte. So überwiegen bei Wildes Salome assyrische
Elemente, bei den primitiven Rittergeschichten
des Malory tritt die Gotik hervor, zu der kraftvoll
stürmischen derben Art des Ben Jonson passt das
Barock, der kapriziöse auf Zehenspitzen trippelnde
Alexandriner Popes wird umklungen vom Ro-
koko.

Beardsley war ausserordentlich belesen, in allen
Litteraturen hatte er seine erwählten Lieblinge,
unter den Alten den ewig lachenden lieblich-
gemeinen Aristophanes, unter den Modernen vor
allem junge Franzosen, so den geschmackvollen
perversen Gautier oder die dunkle gedämpfte Kunst
Mallarmes. Aber er selbst ist auch nur in seiner
ungeheuren Grösse und Fülle zu verstehen als
der letzte Vollender einer grossen Kultur, die in
England langsam herangewachsen. Damit wird
eine abschliessende Darstellung Beardsleys ein-
zusetzen haben, uns seine Vorgänger zu schildern,
und sie wird in der Geistesgeschichte Englands seit
der Restauration diese Keime und Ansätze finden,
die immer stärker und herschender werden.

Wenn man manche dieser schamlosen Schau-
spieler betrachtet, die Beardsley so gern auf eine
Bühne stellt, von der aus sie ruhig die unheiligsten
und schlimmsten Zoten in das Publikum zu schleu-
dern scheinen, so erinnert uns das an das Theater
unter Karl IL Horace Walpole ist die erste kompli-
ziertere moderne Persönlichkeit des beginnenden
„romantic movement". Blake folgt, Coleridge
flüchtete in ein Traumdasein— de Quincey schildert
uns in seinen confessions antike Triumphzüge und
orientalische Architekturen, seine sisters of sorrow
haben bereits die schwüle Weichheit, die dunkle
grausame Schwermut der Präraffaeliten. Rossetti

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