Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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schauungsunterrichts dar. Anschauung statt Theo-
rien, Schärfung des Blicks für das Wesentliche der
Dinge, Augenöffnung für Formen und Farben in
der Natur soll gelehrt werden, und gerade die,
die sich der angewandten Kunst widmen, sollen in
die lebendige Schule gehen statt die Stilatlanten
zu wälzen. Hermann Obrist fordert mit starkem
Temperament diese Naturpädagogik für die heran-
wachsende Generation. Auch Lichtwark führt in
dem Jubiläumsbuch für Brinkmann sehr fein das
erkenntnisvolle Auge dieses Auserlesenen auf die
naturwissenschaftliche Schulung in seinen in Un-
gewissheit der Zukunft verlaufenden Lehrjahren
zurück: „die naturwissenschaftliche Beobachtung-
weise befähigt das Auge, alle charakteristischen
Merkmale scharf und rasch zu erkennen, nament-
lich auch die kleinen und kleinsten Eigentümlich-
keiten der Form und Farbe".

Der Instruktion in solchem lebendigen Wissen
will das Dürerhaus das Material liefern. Sütterlin
und Scholl, Künstler und Kaufmann — darin liegt
auch ein Zeitsymptom — haben sich dazu ver-
einigt.

Überwindung des Gipses für den Zeichenunter-
richt und Ersatz der Scheinbilder durch Wirkliches
ist das Ziel. Gläser, Läugersche Kacheln, Zinn-
gefässe, Schmiedeisenzierrate, Korbflechtarbeiten,
gewirkte und bedruckte Stoffe, Steingut und
Terracottagefässe werden als echte Vorlagen ge-
geben.

Viel wichtiger als sie ist aber das Naturmaterial.

Ein Künstler, der als Plastiker in dem treff-
sicheren Jägerblick und der fabelhaften Kenntnis
des Tierlebens an Liljefors reicht, hat eine über-
raschende Sammlung von Tiermodellen geliefert,
Momentaufnahmen voll unerhörter Abwechslung.
Sie sind mit den natürlichen Hüllen überzogen
und erwecken Lebensillusion ohne gleichen. An-
regend vor allem sind die Vögel. Eine Kollektion
Eisenten ist in allen Variationen des Flugs dar-
gestellt, im Aufstieg, im graden Strich mit starr
gestreckten Beinen (auf Leistikowschen Bildern
sah man ähnliches), im steilen Abstieg.

Überraschend sind auch die mannigfachen
Studien geschlängelter und geschnellter Fische.

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Sinnreiche Apparate ermöglichen Detailbeob-
achtungen am wirklichen Objekt für alle Arten
der Flügel-, der Kopf-, der Beinstellung.

Ähnliches geschieht auch für die Pflanzen. Ein
geistreich konstruiertes Stativ bewahrt die Blumen
lebendig in einem Wasserbehälter; das Ende des
Stiels ruht saugend darin, die Blüte wird von ganz
feinen Klammern leise gehalten und sie sind in
jeder Richtung einzustellen, so dass sich wechselnde
Aufnahmen der Blume machen lassen, ohne dass
man ihr die geringste Gewalt anthut.

Auch Farbenschau wird geboten. Schmetter-
lingsflügel spielen alle Nuancen und die apartesten

Mischungen musikalischer Koloristik. Und die
feinsten und raffiniertesten Töne rotgelber von
abgetönten Adern durchzogener Herbstblätter, —
die der Platanen sind besonders bemerkenswert —
werden zwischen Glasplatten konserviert und
wecken den Geschmack für die Halben-undViertel-
töne, für die Reize flutender Übergänge.

Felix Poppenberg.

DRESDEN

Die am 6. Mai durch S. Majestät König Georg
persönlich eröffnete Ausstellung, die die dresdener
Kunstgenossenschaft veranstaltete, beschränkt sich,
wie schon aus den Voranzeigen bekannt geworden
ist, auf sächsische Künstler. Auch diese sind nicht
vollständig vertreten. Die münchener Sachsen
haben sich als Gruppe mit Dresden entzweit, in
ziemlich gleicher Weise wie sich die münchener
vor Kurzem mit Berlin entzweiten. Hier wie
dort stellten sie Forderungen, die mancher für
anmassend erklären würde, die jedenfalls, noch
dazu in so später Stunde gestellt, nicht gewährt
werden konnten. So linden wir ausser Uhde, der
von allem Anfang an besonders eingeladen war,
nur noch einige der Simplicissimuszeichner, wie
T. T. Heine, W. Caspari und B. Paul mannigfaltig
und recht gut vertreten. Wenn liier die Lücken
noch entschuldbar sind, so sind sie es weniger be-
treffs der Kräfte im eigenen Hause: die hätten
die Veranstalter unter allen Umständen vollzählig
heranziehen sollen. Aber Otto Fischer z. B. ist
nicht einmal durch eine graphische Arbeit ver-
treten. Ebensowenig Besig, Bendrat, Müller-
Breslau etc.; vom nahen Leipzig fehlt auch Greiner
ganz.

Von F. von Uhde findet man eine ganze Wand
vor. Eine retrospective Uhde-Ausstellung zu ver-
anstalten, würde sich schon lohnen. In der kurz-
atmigen Hast unserer Zeit ist es gekommen, dass
das Wirken dieses Künstlers in etwas wie Ver-
gessenheit geraten konnte. Kaum jemand spricht
heute noch von dem Einfluss, den seine religiöse
Kunst, weit über die engen Kreise der Künstler
selbst hinaus, geübt hat. Dass man seiner wirk-
lichen Bedeutung jetzt nicht mehr eingedenk ist,
mag er durch seine eigene spätere Entwickelung
verschuldet haben. Eine Ausstellung der „Jünger
in Emaus", des „Abendmahls", des „Komm, Herr
Jesu", des „Lasset die Kindlein", der „Heiligen
Nacht", der „Bergpredigt", würde die Erinnerung
an wichtige Tage für die neueste deutsche Kunst
auffrischen und eine Zahl ihrer Hauptmarksteine
versammeln. Heute sehen wir in Dresden nur
Werke wie „Wohlmuth als Richard III.", ver-
schiedene Bilder von Uhdes Töchtern im Freien
und andere Bilder der späteren Zeit, Bilder, von

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