Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

Seite: 42
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Hur Kritik des Kunsterziehungstages in Dresden.

62. Siftierbedjer von <£. Riegel, München.
(4/5 der wirkl. Gr.)

bedeutet. Alan will nicht mehr Lessings Laokoon als
das alleinseligmachende Evangelium des Kunst-
verständnisses weiter und weiter traktieren. Alan
weiß, daß nicht durch kunsthistorische Lehren der
Kunstgenuß ohne weiteres gefördert werden könnte
und glücklicherweise erkennt man, daß alles mehr zu
vermeiden ist, als ein ekelerregendes Nachschwatzen
von Dunsturteilen, mögen sie sein, von wem sie
wollen. Das sind allein schon Bestätigungen dafür,
daß wir doch wohl mit einigem Glück und einiger
Aussicht auf ein Besserwerden das allzu historische

Traktieren aufgeben, gerade wie unsere Dünstler
mehr vorwärts als zurückzuschauen Lust und Ur-
sache haben. Überhaupt trat bezeichnend für die
Gesundheit unserer jungen Dunst mehrfach eine
Dongruenz der Ideen der Dünstler und der „Dunst-
erzieher" hervor.

Der Wunsch, man möge doch keinen wesentlichen
Unterschied zwischen alter und neuer Dunst machen,
fand lebhafte Zustimmung und allerseits scheint man
nun auch endlich deutsche Dunst —■ im weitesten
Sinne — als diejenige zu erachten, die am aller-
geeignetsten ist, unseren Schülern nachhaltigsten, tiefsten
Genuß zu bringen.

Gewiß wird ohne weiteres das, was die Volks-
schule geleistet au Förderung des Dunstgenusses, d. h.
die Freude an der Wiedergabe der Farben und
Linien und Formen der Natur, an der Naturschön-
heit selbst, auch in den höheren Schulen Aufnahme
finden.

Jedoch noch einmal: Das Notwendigste ist, die
Bildung unserer „Gebildeten" künstlerisch zu durch-
dringen. Lange's zusammenfassende Rede möge vor
allen Dingen neben anderen in den, hoffentlich bald
erscheinenden, offiziellen Stenogrammen des Dunst-
erziehungstages volle Beherzigung finden.

Die meisten unserer maßgeblichen Volksvertreter
sind ja doch, selbst in der „gemischten" Gesellschaft
unserer Parlamente „Gebildete"; daß deren Dultur
eine künstlerische werde, ist aber nicht nur wünschens-
wert, sondern geradezu notwendig, wenn all das
herrliche, was die jetzt lebende Dunst auf allen Ge-
bieten zu schaffen begriffen ist, das Verständnis, den
Genuß, die Früchte bringen soll, die es uns neben
all dem, was bisher die Dunst geschaffen, bringen kann.

vr. L. w. Bredt.

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