Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

Seite: 142
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Unsere Bilder.

Tage, wo vielleicht die Ateliers im Ernst-Ludwigbau
halb oder ganz leer stehen, wo die Künstler aus-
einandergeflattert sein werden, und die kurze Herr-
lichkeit mit dein abbröckelnden Kalk der Wände ver-
blichen sein mag. Trotzdem war es ein Fest der
fugend, der neuen Kunst, eine Etappe auf dem
künftigen Wege, ein Festtag, den reine Kunstbegeiste-
rung verklärte und beleuchtete. Die harte Zeit wird
wohl unsere jungen Meister noch schwerer in die
Schule nehmen und anderes von ihnen beanspruchen,
und dann werden wir sicher Gutes von unvergäng-
licherer Art von ihnen gewinnen.

Eine andere wertvolle Lehre aber schöpfen wir
schon heute aus ihrem Arbeiten und Wirken in
Darmstadt. Wenn, wie ich zuerst dargelegt habe,
wirklich die neue Kunst eine ihrem Wesen und Ur-
sprünge nach germanische sein will und muß, so ist das
Streben nach Internationalität durchaus zu vermei-
den weil vom richtigen Wege ablenkend. Nirgends
aber ist die neue Richtung in Deutschland mehr auf
das Internationale gerichtet gewesen als gerade in
Darmstadt.

Aus allernächster und frischester Anschauung
kann ich die alte Thatsache als neu empfunden wie-
der bestätigen: was in Spanien oder sonst draußen
herrlich und naturwüchsig, wahr und natürlich er-
scheint, ist in Deutschland importierte Komödie, un-
wahr und hohl. Die wahre und natürlich entstan-
dene Kunst kann nicht unbeschränkt international sein;
unsere nächste deutsch-ger,iranische Kunst inr Hause
zumal muß nordisch, deutsch sein und bleiben. And
sollte sie wirklich auch einen Siegeszug erleben durch
die gesittete Welt, sie wird überall unrgefornrt und
gemodelt werden nach der Art der Völker.

Daher der gleich von vornherein gegebene
Gegensatz in Darmstadt. Es war eigentlich die
Wiener Moderne, die dort zu herrschen unternahm,
aber nrit der fühlbaren Absicht, ein Kunst-Mekka
für alle Völker zu schaffen. Das ist vergebliches
Sinnen und Beginnen. Dagegen darf und muß inan
Ihnen in München überall nur aufrichtig dankbar
sein; denn Ihre Kunst ist, auch im allermodernsten,
bis zur Stunde noch immer eine echt deutsche und
echt münchnerische geblieben.

Man darf es selbst der jüngsten Kunst in
München zu ihrem Lobe nachsagen, daß sie von den:
gegebenen Boden nicht gewichen ist; und in zwie-
fältiger Einsicht. Zunächst von dein Boden der
Erfahrung, der Praxis, des Handwerks, der Brauch-
barkeit. Ein jeder dort sucht in deiii, was er schafft,
auf den Schultern seiner Vorgänger zu stehen, nicht
einen Abgrund zwischen ihnen und sich aufzureißen.
Anderseits gilt das für das Formale. Was in

München geschaffen wird, das will in der künst-
lerischen Form eine Weiterentwicklung des Vorhan-
denen zeigen, eine Anknüpfung an die älteren Ar-
beiten und auch an die Werke der Väter. Mit ganz
wenigen Ausnahmen thut und erstrebt dies die ge-
samte Reihe der kämpfenden und wirkenden Künstler;
und es bleibt hoffentlich stets so; es wird so wohl
möglich sein, ein Werk der Münchener Kunst zu
allen Zeiten als solches zu erkennen.

Der schwere Druck der wirtschaftlichen Krisis
vernichtet wie ein plötzlicher Frost alle flüchtigen und
nicht lebensfähigen Triebe, mochten sie noch so viel-
versprechend sich hervordrängen. Es kehrt die Einsicht
zurück, daß es nie nrehr möglich sein dürfte, absolut
Neues zu erschaffen, anr wenigsten auf dem Gebiete
der Kunst; aber das Geschaffene und die vorhan-
denen Keinre inr Geiste des Volkes und der neuen
Zeit für neue Bedürfnisse zu entwickeln und fortzu-
bilden, ist eine Aufgabe, des Schweißes der Besten
wert, und ergibt des Neuen genug.

Sollte im deutschen Vaterlande oder gar im erst
erwachten größeren Germanentum wirklich eine eigene
junge Kunst aus altem Fundament erstehen, von echt
und rein germanischem Wesen, — das wäre der
krönende Aufbau, der letzte und herrlichste Schmuck
der Germania, ein sicherer Vorbote der endlich
kommenden germanischen Völkerdämmerung.

Hannover, November ißOs.

Albrecht Haupt.

(Unsere (Jikder.

wischen die größeren, nicht illustrierten
Aufsätze dieses Heftes von Or. Halm
und L)r. Haupt schieben sich die Bilder
der beiden kleineren Artikel über des
Kunsthandwerks junge Mannschaft; aber
auch die übrigen Bilder entstammen — mit Aus-
nahme der Pläne zur deutschen Gruppe der Turiner
Ausstellung - durchgehends der jüngsten Generation
des Kunstgewerbes -— und zwar fast alle einen:
Tiroler Brüderpaar: Heinrich und Rudolf Arnold,
die beide ihre wesentlichste Ausbildung in München
genossen, und die beide, trotzdem sie sich auch auf
anderen ihnen zusagenden Gebieten versuchten, ihren:
erlernten Beruf, der Dekorationsmalerei, treu ge-
blieben sind. Erfreuen bei den Arbeiten des älteren
Bruders Heinrich — insbesondere die frischen
Naturstudien, so lassen auch die Entwürfe des jüngeren
das gründliche Naturstudium erkennen, den: ihr Ver-
fertiger sich hingegeben hat. O.
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