Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 6./​7.1924/​25

Page: 176
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\X/ill man die Prinzipien kennen lernen, nach denen
* * eine Folge von Textillustrationen geschaffen ist,
muß man sich zunächst über das Wesen des Textes klar
werden, um dessen Illustration es sich handelt.
Bei der kritischen Zergliederung der Offenbarung
Johannes bedenke man stets, daß die Offenbarung eine
heilige Schrift ist: der alte Christ hat seine Offenbarung
nicht geschrieben, um der Nächwelt einen literarischen
Genuß zu bereiten oder aus eigenem Vergnügen an
künstlerischer Produktion, vielmehr beabsichtigte er
den Brüdern in Christo die Begnadung mitzuteilen, die
ihm widerfahren. I3ie Offenbarung des Joliannes ist
also die epische Darstellung einer Vision. Eine Vision
ist aber ein geistiger Zustand, in dem sich für den
Schauenden die Welt der leiblichen Gegenwart verliert,
d. h. das Zeit- und Raumerlebnis aufgehoben wird, und
der Erleuchtete eingeht in die Welt des absoluten Seins.
Die Erzählung, deren Wesen die Entwicklung in der
Zeit ist, und die sich bei der Schilderung von realen Vor-
gängen des kausalen Zusammenhangs mit Notwendig-
keit bedient, hebt bei der Wiedergabe jenes wunderba-
ren Zustandes die kausale Verknüpfung auf. So ist es zu
deuten, daß in der Offenbarung des Johannes unerhörte
Vorgänge einander folgen, ohne nach menschlicher Ein-
sicht ursächlich miteinander verbunden zu sein: Siegel
werden aufgetan und schreckliche Tiere erscheinen;
Posaunen blasen und die Erde wird erschüttert, eine
Schale wird ausgegossen und Ströme und Brunnen sind
verdorben. Für den besinnlichen Leser aber bleibt die
Offenbarung kein objektives Kunstwerk, sie wird für
ihn gewissermaßen eine geistliche Übung, ein Weg, der
ihn, den minder Beguadeten guten Willens, als Johannes
zum Unendlichen und Unbegreiflichen führt.
In der bildenden Kunst wird der Zustand der Dinge
wiedergegeben und das Verhältnis zur Welt durch den
Raum ausgedriickt. Die Kunst, welche die wirkliche
Welt und die Ereignisse ihres Bereichs darstellen will,
bedient sich der Wiedergabe des Gegenwartsraumes im
Zeitmoment, bezogen auf das betrachtende Individuum.
Das Unbegreifliche, Übersinnliche, die Welt, die
jenseits des menschlichen Verstandes liegt, zu der sich
der Mensch nur durch ein Wunder erhebt, wird sym-
bolisiert durch den absoluten Raum der bildmäßig ab-
geschlossenen Bildfläche (Goldgrund, Weiß des Papiers,
Schwärze der Strichelung etc.), der nicht auf das Indi-
viduum bezogen ist; in ihm ist der Zeitmoment aufge-
hoben.
Die Offenbarung des Johannes ist zweierlei: ein
Symbol des Unendlichen und die Darstellung der Er-
lebnisse eines Individuums. Dieser Grad von Realität
ist wesentlich. Eine adäquate Illustration der Apoka-
lypse ist, so dürfen wir schließen, nur möglich, wenn

sicli im Bilde der absolute Raum und der Gegenwarts-
raum durchdringen.
Die Buchillustration als Produkt aus Bild und Er-
zählung muß zwischen diesen Extremen pendeln: Wir
kennen das vom Text durcli einen Rahmen getrennte
Bild, das aus der Tradition des antiken, illusionistischen
Gemäldes stammt (Prototyp Quedlinburger Itala) und


Diirer, Die apokalyptischen Reiter, Bartsch 64
Nach den Amslerdrucken

unterscheiden davon die addierende Ilhistrationsmämer,
die während des ganzcn Mittelalters lebendig ist; ihr
Ursprung ist in der freien, der Erzählung nachfolgenden
Illuminierung der Buchrolle zu suchen (Prototyp: vati-
kanische Josuarolle). Auch in der Apokalypsenillustra-
tion sind beide Kompositionsarten angewandt.
Die addierende lllustrationsmanier kann eine adä-
quate Darstellung der apokalyptischen Ereignisse nicht
leisten, denn in der bildenden Kunst ist das Verhältnis
zum Kausalnexus nur durch dcu Raum auszudrücken,
d. h. durch eiu System, in dcm alle Teile zueinander und
mit der Begrenzung in Beziehung gesetzt sind. Wenn
kein geschlossenes System gegeben ist, ist also cie
Vorbedingung fiir Apokalypsenillustration nicht erfüllt:
die Offenbarung des Johannes verlangt zu ilirer Illu-
stration in sich geschlossene Bilder.

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