Münchener Punsch: humoristisches Originalblatt — 18.1865

Page: 40
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/muenchener_punsch1865/0048
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
40

Eni schwedlsches Witzblatt (Nisse) spottet über die gedankenlose
Singwuth der Deutschen. Die Dcutschen, sagt der Schwede, schrcien,
brüllen und singen überall, ob's zur Situatioil paßt oder nicht. Gehen
Abcnds ein Paar in's Wirthshaus, so schrcien sie: „Frennde, seht, es
strahlet der Morgen I" Wenn es ertont: „An der Elbe Strand' ist
niein V at erlan d," so werdcn auch schwäbische nnd altbaperische Lieder-
tafler begcistert einstinnnen. Jst die Kneipe recht inl Zug, so heißt's: hcnt'
ist's lustig, heut'singen wir, und gleich daraus läßt sich die Gesellschast
vernehmen: „Jch weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig
bin!" Manch' edler Proletarier kennt auch das Heine'sche Lied und bringt
es seinem Schatz, einem Fabrikmädchen, zu: „Dn hast Diamanten
und Perlen, hast Alles, was Menschenbegehr!" Wie oft und enthu-
siastisch der „Rh einwein, ans Nöm ern geschlürft", beim Bier in
steinernen Maßkrü gen besungen, nnd der Körner'sche Schlachthymnus
beini Dampf der Cigarren angestimmt wiro, davon wollen wir nicht
weiter reden, aber wahrhast lacherlich machen sich die Deutschen, wenn
sie noch nicht aufhören, korte und kortis8im6 zu verkünden: „Das ganze
Dentschland soll es scin!" oder: „Das Volk steht aus, dcr Sturm bricht
los!" Es steht Keiner auf, es bricht Nichts los.

Herr Brater macht in der „Wochenschrist der bayer. Fortschritts-
parthei" über das Staatshandbuch, resp. über das Verzeichniß der mit
Orden Dekorirten einige gar nicht üble Witze, findet aber für gut, dabei
zu übersehen, daß Frhr. v. d. Pfordten seiner Zeit in der Kammer selbst
erklärt hat: die Orden seien theilweise an die Stelle der früher gespen-
deten Dosen und Brillantringe gctreten; sie schmeicheln dem Empfänger
mehr nnd kosten den Geber weniger Geld. llebrigens gibt es Leute,
welche glanben, daß so mancher Oppositionsmann, wenn er recht-
zeitig seine Stelle im Staatshandbuch bekommen hätte, heute zn den
'Freunden der bayerischen Selbstständigkeit gehören würde. Sehr übel an-
gebracht ist es, darüber zn spotten, daß so wenig Nichter mit Orden
begnadigt sind, während bei der Administration die Brüste ein gar blen-
dendes Schauspiel böten. Auszeichnungen von Richtern, deren Charakter-
stärke noch nicht dnrch Decennien erprobt ist, müßlen den Glauben an
ihre llnabhängigkeit beeinträchtigen und würdcn gewiß von den Liberalen
zu allererst als eine versuchte Beeinflussung aufgefaßt werden. Doch, die
Wochenschrift brancht Stoff! Sie hat auch entdeckt, welche Papier-
verschwendung dadurch entsteht, daß bei jedem Namen im Staatshand-
buch, wenn er anch öfter vorkommt, alle Titel wiederholt sind. Diesen
großen llebelstand zu beseitigen, wäre in der That eine würdige Auf-
gabe sür eine bayerische Fortschrittsparthei.

Halbjährige Vestellungen bei allen kgl. Postämtern.

Druck der vr. Wild'schen Buchdruckerei (Parcus).
loading ...