Münchener Punsch: humoristisches Originalblatt — 18.1865

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Apfiorismen über Aphorismen-

Die Morgenblätter der „Bayerischen Zeitung" brachten vor
Kurzem fortgesetzte Aphorismen, über deren Styl wir Nichts
sagen wollen, denn der Styl ist der Mensch nnd was kann der
Mensch fnr seine Hinneigung zum Schlechten? Der Jnhalt
derselben ist es, der unsere Aufmerksamkeit und nähere Betrachtung
anregt.

Erster Aphorismus: „Menschen beobachten heißt im Sinne
der Meisten, die es thun: ihre Schwächen auszuspioniren
und dann zu glauben, man kenne sie . . . . nur der höchsten
Menschenliebe ist die höchste Menschenkenntniß vorbehalten".

Wie wahr! Dieser Bismark hat die an den Spitzen der
Mittelstaaten stehenden Menschen beobachtet, d. h. er hat ihre
Schwächen ausspionirt und glaubt uun, er kenne sie! Be-
dauernswerther Jrrthum; wir siud vielleicht uoch viel — schwächer,
als er glaubt. Er liebt uns nicht und darum wird er uus auch
nie kennen lernen. Es geschieht ihm gerade recht.

Anderer Aphorismus: „Auch der beste uud trefflichste
Mensch reservirt in sich ein Stück Esel, das in irgend
einer Lage des Lebens zu Tage kommt".

Abermals wie wahr, und zugleich wie schön gesagt! Wenn
die Bayer. Zeitung — und als officiöses Organ kann sie leicht
in die Lage kommen — uns wieder irgend einen Mann als
trefflich anpreist, so werden wir ein Necht haben, zu sragen:
„Wo ist sein Stück Esel?"

Der Esel besteht aber, 'wie seder Mensch weiß, und jeder Esel
fühlt, nicht aus einem, sondern aus mehrereu Stücken und es
dürfte nun darauf ankommen, ob Einer vielleicht nur deu geduldigen
Rücken, das schmackhafte Fleisch, den genügsamen Gaumen, die
zähe Haut, den sichern Fuß des Esels besitzt? Oder ist der
treffliche Aphoristiker daraus versessen, daß es gerade die langen
Ohren sein müssen?

Wenn sich die Esel rächen und auch Aphorismen schreiben
und darin behaupten wollten: „Jeder Esel reservirt in stch ein
Stück Mensch, das in gewissen Lagen des Lebens hervortritt",
wo würde dieß als größere Beleidigung empfunden, bei den
Menschen oder bei den Eseln?
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