Münchener Punsch: humoristisches Originalblatt — 18.1865

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Volksfrnmdlicher Artikel.

Von einem freien Maurerfun gen.

^ie Beschreibung des Tumults vor der Westendhalle, wie
sie in einigen Blättern zu lesen ist, rührt einen fast zu Thränen.
„Keine Latte ward vom Zann gerissen, nicht eine Scheibe ein-
geworfen, die Respektirung des Eigenthnms war eine gewissenhafte!"

Edle, ritterliche Krakehler waren das, wahre Mustertumul-
tuanten! Nicht ein Hölzchen knicken, nicht ein Gläschen zer-
schlagen sie, sie wollen bloß — einen Gendarm umbringen.

Man sollte glauben: nach dem faden und geisttödtenden
Oktoberfest wäre dem gelangweilten Volk -— (es lebe hoch!) —
so eine kleine Freude zu gönnen. Oder der Wirth hätte so viel
Witz haben können, den nahezn einstimmigen Wunsch des Volkes
— (abermals hoch!) — bnchstäblich zu nehmen und ihm wenig-
stens den verlangten Kübel auszuliefern! Der ganze Groll der
öffentlichen Meinung HLtte sich dann in diesen entleert und die
Bewegung wäre nicht nur „ziemlich", sondern wirklich unschädlich
verlanfen. Mein Gott, das Volk — (zum dritten Mal hoch!) —
ist ja so gut! Ein liebevolles Wort bändigt seine Riesenkraft,
ein Scherz entwasfnet es.

Aber nein! Die Soldatesca muß entfaltet werden und ein-
hauen muß sie. Eine Schwalbe macht keinen Sommer nnd ein
paar Pflastersteine machen noch keine Republik. Auch ist ein
Loch im Kopf zwar nicht der Güter höchstes, doch ebensowenig
der Uebel größtes. Zu solchen Gelegenheiten gehört eine Miliz,
die Alles objektiv und vom höheren Standpunkte aus beurtheilt,
die Sache austoben läßt, dabei ruhig stehen bleibt und höchstens
vor stch hin murmelt: Alles von dem Volk, mit dem Volk und
für das Volk. Amen.

Bis die Fülle dieser Zeiten gekommen ist, möchte lieber ge-
rathen sein, die Gendarmerie arretiren zn lassen, wen und wo sie
will. Je krasser die Reaction auftritt, desto eher „wird die
Saat reis".
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