Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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VI.

Die Bedeutung von Dur und Moll für den
musikalischen Ausdruck.

Von

Eugen Becker.

Während die Beschäftigung mit den Tongeschlechtern nach der
theoretisch-technischen Seite in der einschlägigen Literatur bisher eine
sehr lebhafte war, hat die Frage nach ihrer praktisch-ästhetischen Be-
deutung nicht entfernt die Beachtung gefunden, die ihr zweifellos ge-
bührt. Was sich über diesen Gegenstand hie und da zerstreut vor-
findet, ist verschwindend wenig und besitzt oft kaum andern als hypo-
thetischen Wert. So scheint denn eine spezielle Untersuchung wohl
berechtigt. Freilich kann die vorliegende Arbeit, da sie sich auf so
gut wie nicht betretenen Boden wagt, nur den Charakter eines Ver-
suchs tragen, was schon in ihrer Beschränkung auf einen verhältnis-
mäßig kleinen Ausschnitt eines Teilgebiets der Tonkunst zum Aus-
druck kommt.

Die folgenden Literaturverweise beziehen sich auf Eindrucks- und
Ausdruckswert des Dur und Moll, sowie auf ihre Beziehungen zu den
übrigen Ausdrucksmitteln der Musik. Was zunächst die psycho-
logische Wirkung betrifft, so findet Helmholtz (Lehre von den Ton-
empfindungen, 5. Ausgabe, 1896, S. 355, 487) den Klang des Moll-
akkords etwas verschleiert und unklar gegenüber dem vollen und un-
getrübten Wohlklang des Durakkords. — Wundt (Grundzüge der
physiologischen Psychologie, 5. Aufl., 1902, II, S. 413) gibt Öttingen
recht, der der Gefühlswirkung nach Moll die harte und Dur die weiche
Tonart genannt wissen möchte. (Die Namen Dur und Moll beziehen
sich ja ursprünglich auf die eckige und runde Form der Zeichen &
und V der mittelalterlichen Notenschrift, B-durum und B-molle, unser
h und b.) — Auch Külpe (Grundriß der Psychologie, 1893, S. 307)
weist darauf hin, daß der Eindruck des Mollakkords härter sei als
der des gleichnamigen Durakkords, und begründet diese Tatsache mit
dem geringeren Grad der Verschmelzung der Teiltöne im ersten Fall. —
Lipps (Grundlegung der Ästhetik, 1904, S. 46566) empfindet den Dur-
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