Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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I.
Objektivismus in der Ästhetik.

Von

Max Dessoir.

1.

Die Gegenstände ästhetischer Betrachtung treten uns in drei
Umkreisen entgegen. Einmal sind es Gebilde und Ereignisse der
Natur, an die ästhetisches Erleben sich anschließt. Da es sich dabei
nicht nur um Schönheit handelt, sondern auch um Häßlichkeit, ferner
um erhabene oder niedliche Dinge und vieles ähnlicher Art, so trifft
die früher gebräuchliche Bezeichnung >Naturschönes< nicht völlig zu.
Ich möchte die Gesamtheit dieser Objekte lieber die ästhetische
Natur nennen.

Für den zweiten Kreis ist der entsprechende Name ästhetische
Kultur ganz geläufig. In meinem Buch :>Ästhetik und allgemeine
Kunstwissenschaft« — auf das ich, um Wiederholungen zu sparen,
noch mehrfach verweisen werde — habe ich zu zeigen versucht, wie
unsere Lebens- und Verkehrsformen von ästhetischen Gesichtspunkten
bestimmt werden, ja, wie auf allen geistigen Gebieten und bei sozialen
Einrichtungen ein Teil der schaffenden Kräfte sich in ästhetischer
Formung auslebt.

Drittens kommt nun hinzu und ist am wichtigsten: die große Tat-
sache der Kunst. Von der Kunst gilt nach meiner Meinung dasselbe,
was jedermann der Natur und Kultur zugesteht, nämlich daß ihre Er-
scheinungen auch anders als ästhetisch beurteilt werden können; doch
brauche ich darauf jetzt nicht von neuem einzugehen. Wollten wir
genau reden, so müßten wir von ästhetischer Kunst sprechen.
Jedenfalls ist klar, worauf sich die vorzunehmende Untersuchung be-
zieht: gemeinsam auf Gegenstände der Natur, Kultur und Kunst, inso-
fern sie ästhetischen Wert besitzen.

Wir fragen: Haben diese Objekte ihre ästhetische Wertigkeit in
sich selbst, d. h. unterscheiden sie sich durch irgendwelche sachlichen
Merkmale von den außerästhetischen Dingen, oder gewinnen sie ihre
edeutung lediglich aus der Art der auf sie angewendeten Betracht-
ung? Das Problem ist im wesentlichen bereits von Schiller erfaßt,

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. V. •
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