Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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II.
Über das Wesen der Tragödie.

Von

Heinz Schnabel.

Aller Kunstgenuß beruht auf einer übernatürlichen Steigerung unseres
Selbstgefühls und Lebenswillens, die dadurch entsteht, daß die in einem
Kunstwerk enthaltenen Werte als überpersönliche Kräfte in die Seele
überströmen und mit den dort lagernden Energien der eigenen Persön-
lichkeit Verbindungen eingehen, deren Triebkraft das Selbstgefühl höhere
Kreise schwingen läßt, als die Bedingtheit der individuellen Existenz
dem einzelnen sonst zubilligt. In allen Genüssen, die uns aus der
Verzückung der Sinne, dem Rausch der Erkenntnis, dem klaren Ich-
gefühl des praktischen Handelns erwachsen, erleben wir im Grunde
doch immer nur uns selbst; so sehr wir uns spannen und dehnen,
kommen wir über die Grenzen nicht hinaus, die die Natur allem indivi-
duellen Sein zur Bedingung macht; und auch innerhalb dieser Grenzen
genießen wir unsere Totalität nur im Handeln. Beim Kunstgenuß hin-
gegen durchströmt die überpersönliche Glut, die die Lebensenergie
durch die Form, deren lebendiges Prinzip sie ist, sich selbst gegeben
hat, uns wie ein reinigendes Feuer, das Asche und Schlacken ab-
sondert und den Kern der Persönlichkeit zu seiner reinen Gestalt, zu
seiner absoluten Potenz ausschweißt, so daß wir uns der Enge mensch-
licher Bedürftigkeit enthoben fühlen und unser Ich in seiner trans-
zendenten Form, d. h. als Kraft und Wille, mit Freude und Stolz
erleben.

Es ist aber klar, daß dieser Prozeß zur letzten und höchsten Wir-
kung nur dann gelangt, wenn das Kunstwerk einer Gattung angehört,
die die Totalität des menschlichen Lebens nicht lediglich durch die
Energie der Formkraft in sich schließt, sondern sie zugleich dem Stoffe
nach darzustellen vermag: denn wenn wir auch nur die Form erleben,
so läßt doch erst der höchste Vorwurf die höchste Form und damit die
höchste Wirkung zu. Die Fülle des menschlichen Lebens nimmt in
seiner ganzen Breite und Tiefe nur die Dichtung auf; und da das
menschliche Leben im Grunde bewegt wird durch den Willen, so ist
die Form, die einzig die Darstellung des Willens mit Erfolg sich zum
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