Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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V.

Anfangsgründe jeder Ornamentik.

Von

August Schmarsow.

Anfangsgründe vermessen sich nicht, sogleich die Anfänge selbst
zu ergründen. Sie dienen vielmehr dazu, für den Anfang erst die
Gründe zu ebnen, auf denen man sich ergehen mag ohne zu straucheln,
und den Boden frei zu machen von Gestrüpp und Gestein, das auf
Schritt und Tritt am Vorwärtskommen hindert. Für den Anfänger
gilt es gar zunächst die Gelegenheit zu bieten, wo er das Gehen
lernen soll. Und nicht immer ist solcher Grund und Boden bequem
vorhanden, sondern oft muß der Grund erst gelegt, der Boden unter
den Füßen gefestigt werden, damit wir nicht versinken. Soll aber
diese Grundlage weiter dazu taugen, einen eigenen Aufbau zu er-
richten, dann sollte der ganze Untergrund geprüft und das Fundament
der gesamten Konstruktion angemessen werden. Kommt es dagegen
zunächst darauf an, uns auf vorgefundenen Gründen selbständig und
ungestört zu bewegen, sei es um die Gangarten einzuüben oder unsere
Kräfte zu erproben, dann brauchen wir nicht sogleich alles zu be-
gründen, sondern dürfen Anweisungen hinnehmen und weitergeben,
wie sie allmählich zusammengekommen und vererbt worden sind.
Aber jede Gangart hat wieder ihre Grundregeln und jede Kraft ihr
zweckmäßiges Verfahren, so daß nicht jeder einzelne die Erfahrung
wieder von vorn anzufangen genötigt ist, sondern der Überlieferung
teilhaftig werden kann, die ihm Errungenschaften seiner Vorgänger
vermittelt. So machen wir es mit den Anfangsgründen einer Sprache
in möglichst einfachen Angaben über das Wie, ohne sie viel mit
Auskunft über Warum und Woher zu belasten. Die Beweggründe
kennen zu lernen, ist ein Anliegen besonderer Köpfe, die durch solche
Zwischenfragen zuweilen den Fortschritt in der Aneignung des leben-
digen Besitzes beeinträchtigen. Auf allen Gebieten gibt es solch ein
Erbteil von Grundtatsachen, die nicht jeder, der ihre Wohltat genießen
will, auf ihre Ursachen zurück zu verfolgen braucht, wenn er vor
allem einmal durchkommen will. Sie stehen wohl gar so uranfänglich
und zugleich unantastbar da, daß es wie Aberwitz oder Afterweis-
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