Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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IX.

Hebbels Anschauungen über das Komische
nach ihren historischen Grundlagen.

Von

Hans Heinrich.

Die Tatsache, daß Hebbels Theorie des Komischen, soweit man
hier überhaupt von einer Theorie als solcher sprechen darf, noch
keine einheitliche, alles zusammenfassende wissenschaftliche Bearbei-
tung gefunden hat, erklärt sich, wie so häufig auch bei anderen un-
gelösten Problemen, aus der Natur des zu untersuchenden Materials
selber. Erstlich ist es wohl die im Gegensatze zu dem Reichtum
seiner in Briefen, Tagebüchern und Aufsätzen1) niedergelegten An-
schauungen über das Tragische stehende, verhältnismäßig sehr geringe
Anzahl dieser Aussprüche, welche eine alles verarbeitende Einzeldar-
stellung der Reflexionen über dieses Problem vielleicht als wenig
lohnend erscheinen ließ. Der Hauptgrund jedoch liegt wohl in dem
Charakter dieser Äußerungen selber. Im Gegensatz zu seiner Ansicht
vom Tragischen, welche deutlich den Stempel einer mit sorgfältiger
Konsequenz durchdachten, in sich geschlossenen Systematik trägt, sind
diese Bemerkungen aphoristisch, rätselhaft, fragmentarisch und in sich
zuweilen widerspruchsvoll, gemäß der dem Dichter eignen Äußerungs-
weise, wie sein persönliches Zeugnis besagt2). Es sind mehr unsicher
tastende, halb verunglückte, von mannigfaltiger wissenschaftlich-ästhe-
tischer Lektüre beeinflußte, halb aus eignem das Gelesene weiter fort-
setzenden Nachdenken gewachsene Versuche und Vorstudien zu einer
Systembildung und nicht einzelne, abgerissene Bestandteile einer zwar
dunkeln, aber doch in sich geschlossenen Theorie. Sie betonen ge-
wisse Einzelheiten mit ostentativer Schärfe ohne jeglichen Hinblick

') Benutzt habe ich die 24bändige Hebbelausgabe von Richard Maria Werner.
Abkürzungen: W. = Hebbels gesammelte Werke in 12 Bänden; Tgb. = Hebbels ge-
samte Tagebücher in 4 Bänden; Br. = Hebbels gesammelte Briefe in 8 Bänden.

2) Br. V, S. 535: »Diese Beschäftigung, die mich fortwährend zwischen Produk-
tion und Reflexion in der Mitte schweben ließ, hat eine Reihe ganz eigentümlicher
Gedanken über das Verhältnis der Kunst zum Leben, des Ideals zur realen Welt in
mir angeregt, die ich freilich nur höchst aphoristisch mitteilen kann.«
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