Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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VII.

Anfangsgründe jeder Ornamentik.

Von
August Schmarsow.

(Fortsetzung und Schluß.)

Jede symbolische Ornamentik setzt bereits eine bildende Kunst im

eigentlichen Sinne voraus, die plastisch oder zeichnerisch das Urbild

selber geschaffen hat, d. h. das Idol, auf das sich alle Symbole be-

■enen, auf das sie zurückweisen oder von dem sie sich alle ableiten,

e'en sie nun Abbilder, d. h. Wiederholungen oder Abbreviaturen dieses

rehrten Kultbildes, oder im ursprünglichen Sinne des Wortes »Sym-

°n« nur Bruchstücke der kanonischen Darstellung, die das Ganze

■"treten, indem die Vorstellung des Empfängers das Fehlende er-

?.. Wirklich symbolische Ornamentik setzt also nicht allein ein

°rPerliches oder flächenhaftes Kunstwerk, eine Schöpfung der Plastik

<jr Malerei voraus, die den absoluten Wert selber darstellt, sondern

eidem noch einen gewissen Aufwand frei schaltender Vorstellungs-

eit, die zu einer dargebotenen Hälfte (der Tesserä) die fehlende

ere hinzudenkt oder in einem noch geringeren Teilwert den Voll-
Wert h r*
. aes Ganzen anerkennt (pars pro toto), d. h. in, mit und unter

da "k Slnn''c'ien Zeichen eine geistige oder doch psychisch weit
er hinausgehende Bedeutung zu empfangen gelernt hat. Wo
Un nacllweislich symbolische Ornamentik auftritt, da befinden wir
Seu ' menr in der Urzeit eines Volkes, sondern bereits in einem
dürf 0rt?escnrittenen Stadium seiner Entwicklung. Und umgekehrt
eine P W'P °'C^ von ^er Urzeit z- B- der Germanen aussagen, sie sei
ge en°de symbolischer Kunst oder gar symbolischer Ornamentik
Wjri,. ^n' wenn wir nicht etwa mit dem Namen »Urzeit« statt des
Be&r-ff en ^nfan&sstadiums efnen willkürlichen oder konventionellen
eine' Verbinden' der mit dem Wortsinn nicht übereintrifft. Sonst ist
dlct- genannte »symbolische Urzeit- nichts anderes als eine contra-
kultu n a^cc^°> ein unmöglicher Ausgangspunkt für irgendwelche
niern fescniclltliche Entwicklungsreihe. Die Urzeit eines Volkes kann
geschu >>Symbolisch<< schaffen; da fehlt die ganze unentbehrliche Vor-
ZeitsCh e •■ zur *PhysiopIastischen« oder physiographischen Dar-

r- f- Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. V. 21
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