Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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BEMERKUNGEN.

597

Ein Beispiel von Rückständigkeit der Schulästhetik.

Von

Berthold Schulze.

Es ist unglaublich, was für Maßstäbe noch heute Fachvertreter des deutschen
Unterrichts an höheren Schulen anwenden, um den Wert einer deutschen Dichtung,
eines Kunstwerks, zu bestimmen. Die leidige Hineinmischung moralisierender Be-
urteilung bezeugt nach meiner Ansicht nicht nur eine Mißachtung gegen das Eigen-
leben dichterischer Gestaltungen und gegen das Kunstwerk an sich, da dieses,
wofern es echter Kunst entsprossen ist, schlechtweg aus sittlichem Geiste geboren
ist; es wird aber auch dadurch ein Geist der Kritiklosigkeit in die Schulästhetik
hineingetragen, der im Schüler der späteren vorurteilslosen Würdigung echter Kunst
den Weg im voraus verbaut. Es sei mir erlaubt, an der Hand eines bestimmten
Beispiels das Gesagte zu belegen.

Es handelt sich um die Erschließung Hebbelscher Dichtung für die Schule. In
den von Julius Ziehen herausgegebenen deutschen Schulausgaben (L. Ehlermann
in Dresden) ist außer mit einem Hebbelbuch von Lorentz von mir in einer Ausgabe
von Hebbels »Agnes Bernauer« der Versuch gemacht worden, diesen Dichter der
Schule zugänglich zu machen, von dem außer der Nibelungentrilogie nichts den
Weg zu der Schule gefunden zu haben scheint. Leute, die überzeugt sind, daß
der Weg der weiteren Entwicklung unserer dramatischen Literatur über Kleist und
Hebbel führt, werden solche Versuche mit Freude begrüßen. Aber es zeigt sich,
daß einer gewissen Schulästhetik dieser Versuch anstößig erscheint. Jeder hohle
versifizierte Schall erscheint dieser Richtung, wofern er löbliche moralische Ten-
denzen verficht, wertvoller als Hebbels im heiligen Ringen gezeugte Poesie, die als
echte Poesie aus den tiefsten Tiefen sittlicher Weltanschauung geboren ist. Mit
Recht sagt Alfred von Berger in seinen »Dramaturgischen Vorträgen« in den tief-
schürfenden Darlegungen über poetische Gerechtigkeit (S. 80): »Hebbels Wirkung
dürfte sich mit der Zeit verstärken, weil er an die Weltordnung, die in seinen
Tragödien herrscht, als Mensch tatsächlich glaubte.«

Einem solchen fest in einer großen Weltanschauung wurzelnden Dichtergeiste
nun geht Julius Sahr im 23. Jahrgang der »Zeitschrift für den deutschen Unterrichte
(1909) S. 632 ff. zu Leibe, indem er gegen ihn sittlich-patriotische Gründe ausspielt.
In einer Besprechung einer Zrinyausgabe bringt er es über sich, Kleists »Prinzen
von Homburg« und Körners »Zriny« mit Rücksicht auf die patriotische und heroische
Gesinnung der Urheber und ihrer Geschöpfe als für die Schule zusammengehörige
und gleichwertige Dichtungen zu behandeln (632). Indem er Hebbels scharfes,
aber ästhetisch so berechtigtes Urteil über Körner anführt, ruft er mit Gründen,
dergleichen auch das Kutschkelied als eine Meisterdichtung sanktionieren könnten,
für den Dichter Körner den gewiß jedem Deutschen teuren vaterländischen Helden
Körner auf die Brustwehr. »Ich verstehe nicht,« sagt Sahr, »wo Hebbel den
traurigen Mut hernahm, um zum Lobe des Prinzen von Homburg ganz un-
nötigerweise Theodor Körner herabzusetzen mit den hämischen Worten: .Kleist
stieß mit dem Prinzen von Homburg nun noch obendrein gegen einen Fleck, der
zu seiner Zeit, wo Theodor Körner die Leute in seinen Trauerspielen ordentlich
darum in die Wette laufen ließ, wer zuerst sterben sollte, zu den allerempfind-
lichsten gehörte. Todesfurcht und ein Held! Was zu viel ist, ist zu viel! Es war
eine Beleidigung für jeden Fähnrich. Ein Butterbrot verlangen Sie von mir? Das
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