Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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Besprechungen.

Broder Christiansen, Philosophie der Kunst, gr. 8°. 348 S. Hanau 1909-
Verlag von Clauß und Feddersen.

Es ist ein durchaus merkwürdiges Buch, das uns der Autor hier vorlegt, — be-
merkenswert in der Fülle feinsinniger Analysen, vorzüglicher klärender Definitionen
und prägnanter Terminologie, jedoch eher verwirrend in seinem Versuch der
Grundlegung und zum Teil auch in der Deutung konkreter Kunstphänomene, wie
des Impressionismus. Christiansen stellt im Vorwort sein Ziel fest: Prinzipien-
erkenntnis und Tagesfragen in wechselseitiger Beleuchtung zu verknüpfen, — sicher
eine weitsichtige und fruchtbare Aufgabenstellung. Schon wegen dieser Bemühungen
um die Grundlagen, verbunden mit feinsinnigem Kunstgefühl, besonders für bildende
Kunst und Musik, gehört sein Werk zu der Art Bücher, die für die moderne Ästhetik
am meisten nottun. Christiansen hat bereits in einer Arbeit über das Urteil bei
Descartes und in dem Büchlein »Erkenntnistheorie und Psychologie des Erkennens«
seine Schärfe als Logiker bewiesen. Umsomehr erstaunt es, daß das eigentlich
grundlegende Kapitel »die Autonomie der ästhetischen Werte« entschieden mißlungen
ist. Zu einer Begründung ästhetischer Allgemeingültigkeit gelangt Christiansen,
trotzdem er sich vor groben Irrwegen hütet, auf seinem Wege ebensowenig, wie
ein in sich haltloser Relativismus. Und zwar hat der Begriff der Autonomie bei
ihm mehr Verwirrung als Klärung gebracht. Streift er auch bisweilen den Kern
dieser Frage — die Scheidung dessen, was zum ästhetischen Wert gehört, von dem,
was sich heteronom als Maßstab aufdrängt —, und taucht im Verlauf der Untersuchung
auch die autonome Geltung des Ästhetischen gegenüber dem empirischen Objekt
auf, so läuft die Frage nach dem Autonomen bei ihm doch glatt auf die Frage
nach dem Gegensatz von autoritativem und selbstgefundenem Urteil hinaus. Nur
das eigene und eigenste Urteil ist daher autonom und — muß individualgültig
bleiben, da der Akzent auf der Art des Findens liegt. Die Frage ist vom sachlichen
in das psychologische Gebiet hinübergebracht. Nur durch eine verkünstelte »Trieb-
psychologie«, die das Problem nicht vorwärts bringt, sucht Christiansen wiederum
eine Art »zufällige« Allgemeingültigkeit des Ästhetischen aufzuzeigen. Der Grund-
fehler dieser Erörterungen ist, daß Christiansen im Grunde nicht von der Faktizität
des Urteilens loskommt und daher keinen Wertmaßstab begründen kann, den er
doch anderseits voraussetzen muß und in der Folge auch anwendet.

Sowie sich jedoch Christiansen dem Begriff des ästhetischen Objekts nähert,
treten seine besten und tiefsten Gedanken zu Tage, — Gedanken, deren Frucht-
barkeit durch seine Einzelanalysen bewiesen werden. Dieses Kapitel könnte der
modernen Ästhetik vielfach zur Klärung dienen. Die Erkenntnis der immanent teleo-
logischen Struktur des Kunstwerks gibt ihm Richtpunkte zur Herausfindung und
Gliederung des Wesentlichen. Unbefangen bringt Christiansen den wichtigen Be-
griff des Telos und des Teleologischen hinein, der so strittig in seiner Deutung is'
und wohl nur von Anhängern idealistisch-kritischer Richtung unmißverständlich ge'

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