Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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XIII.

Die Tragik bei Ibsen.

Von

Bernhard Luther.

1. Der tragische Konflikt und die tragische Disposition.

In den tragischen Theorien wird oft die grundlegende Bedeutung
des tragischen Konflikts als selbstverständlich vorausgesetzt, indem
man annimmt, daß jede Tragödie sich aus einem Konflikt entwickeln
müsse. Diese Auffassung beruft sich hauptsächlich auf Schiller, doch
nicht mit vollem Recht. Hat doch Schiller da, wo er eine zusammen-
fassende Definition des Tragischen und der Tragödie gibt, den Kon-
flikt nicht als notwendigen Bestandteil angegeben. Es ist mir auch
kein Zweifel, daß man die Bedeutung des Konfliktes für seine Dramen
leicht überschätzt. Sehr bezeichnend ist Schillers eigene Äußerung
über Wallenstein in dem Briefe an Goethe vom 2. Oktober 1797. Hier
schreibt er, daß es ihm gelungen ist, »die Handlung gleich von Anfang
an in eine solche Präzipitation und Neigung zu bringen, daß sie in
stetiger und beschleunigter Bewegung zu ihrem Ende eilt. Da der
Hauptcharakter eigentlich retardierend ist, so tun die Umstände eigent-
lich alles zur Krise und dies wird, wie ich denke, den tragischen Ein-
druck sehr erhöhen«.

Dem Verständnis Ibsens hat es jedenfalls geschadet, daß man ihn
vom Standpunkt der Theorie aus aufgefaßt und beurteilt hat *). Be-
sonders deutlich tritt das in den geistreichen Bemerkungen von
P. Ernst2) hervor, der Ibsen vom Standpunkt der an Schiller orien-
tierten Ästhetik aus auffaßt und verurteilt. Es ist darum wichtig zu
untersuchen, in welcher Form und in welchem Grade tragische Kon-
flikte in Ibsens Tragödien von Bedeutung sind.

1. Der Held steht oder gerät in Konflikt mit anderen Personen, so
daß ein ausgebildetes Spiel und Gegenspiel vorhanden ist. Dies ist
der Fall in den Kronprätendenten, wo auch der Intrigant alten Stiles

') Näheres in meiner Schrift »Ibsens Beruf«. Halle a. S., M. Niemeyer, 1910.
") P. Ernst, Ibsen. Die Dichtung (Schuster u. Löffler), Bd. 1.
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