Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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600 BEMERKUNGEN.

Mit wundersüßen Tönen klang's
Wie in der Engel Liede;
Herüber von Altar und Chor
Rief's deutlich in der Lauscher Ohr:
Nicht Blut, mein Albrecht! — Friede;
Und Harfenton und Himnielsklang
Verhallten und zerrannen;
Als er gesehen und gehört,
Zerbrach der Fürst das Racheschwert
Und schied versöhnt von dannen . ..

Dieser Einfall ist also nicht nur unoriginal, er ist auch unglücklich: denn er
bricht, wie Greif auch die Wucht des staatsrechtlichen Problems zerbricht, den Cha-
rakter der Agnes entzwei. Agnes muß, wofern ihr Schritt die Vertretung eines
Rechts der Persönlichkeit darstellen soll, nicht nur als schön — zauberhaft schön —
und tugendhaft-schuldlos, sondern auch als willensstark-temperamentvoll und leben-
heischend gefaßt werden, weshalb Hebbel ihr mit Fug bei all ihrer Güte ein nicht
minder loderndes Temperament verleiht als dem Herzog Albrecht. Wer sie zu
einer Heiligen macht, die freudig-vergebend und fürbittend nicht bloß, nein »frei-
willig« und gebotene Hilfe ausschlagend Martyrium leidet, der bricht nicht nur
dem Konflikt die Schärfe um, die ihn allein zum Agnes-Bernauer-Konflikt macht,
sondern macht auch die freie Entstehung dieser Ehe unglaublich. Nein! Heiß auf-
wallendes Blut hat sie, und das gibt ihr Hebbel mit Recht. Und das allein macht
ihr Erleben im Kerker und auf dem Leidenswege zu dem erbarmenflehenden, das
uns in Hebbels Stück die ganze Seele rührt und erschüttert. Statt dieses erbarmen-
heischenden Leidens des jungen Blutes, des am Leben mit allen Fasern hängenden
Weibes bietet uns Greifs Heilige im Kerker im Selbstgespräch einen autobiographi-
schen Rückblick und ein durch Raisonnements verwässertes Sich-ins-Sterben-Finden.
Diese wortreiche Heiligkeit wird reichlich aufgewogen durch die wenigen kernigen
Worte echter Frömmigkeit, die Hebbels Agnes sich entringen; wie viel wiegt dieses:
»Bald weiß ich, ob's mit Recht geschah!« Es deutet ja die einzige Vervollständi-
gung des Erschütternden zum Tragischen an, die in einer Agnes-Bernauer-Tragödie
im engsten Sinne denkbar ist. Es ist ja dies der Fingerzeig, mit Hebbel zu reden,
>in die höhere Lebenssphäre, der wir alle mit schüchterner Hoffnung oder mit zu-
versichtlichem Vertrauen entgegensehn«: dort allein gibt es einen Ausgleich in
solchem Konflikt.

Wie Agnes' Charakter aber, so werden bei Greif auch die anderen Charaktere
umgebrochen. Wie leicht besänftigt ist der Albrecht mit dem feurigen Blut! Der
Herzog Ernst gibt zuletzt — und zu spät! Die »verhängnisvolle Gabel«! —Gegen-
ordre und ist nur — verführt! Für Greifs Agnes aber ist, um zuletzt das dem
Kritiker so verhaßte Wort Hebbels anzuwenden, das Sterben nur »ein Butterbrot«;
oder soll ich lieber mit Lessing sagen, »ein Glas Wasser trinken«? Denn zu hoffen
bleibt, daß Lessings Hamburgische Dramaturgie mit ihren Belehrungen über das
Untragische solchen Sterbens und des Märtyrertums nicht umsonst geschrieben ist.

Man sieht, wohin die Ästhetik gelangt, wenn sie Patriotismus und Religiosität,
wofern sie nur äußerlich hervorspringen, zum Maßstabe nimmt: Dichtungen, wie
Hebbels Agnes Bernauer, an der gerade die tiefstgewurzelte Religiosität und Deutsch-
heit mitgezeugt hat, möchte eine solche Richtung der Schule vorenthalten.
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