Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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Bemerkungen.

Künstler und Dilettant.

Von

Emil Lat.

Der Unterschied zwischen Künstler und Dilettanten soll hier nicht an objektiven
Merkmalen ihrer Werke, sondern an der seelischen Beschaffenheit der Hervorbringer
selbst geprüft werden. Gehen wir von der Wortbedeutung des Dilettanten, des
»sich Ergötzenden«, aus, so finden wir als eins seiner Merkmale, daß er sich durch
sein Tun Lustgefühle verschaffen will, und zwar jene Lustgefühle, welche die Be-
tätigung auf dem Gebiete der Kunst mit sich bringt. Vom Künstler können wir
nur sagen, daß der einzige Endzweck, auf den sein ganzes Tun hinzielt, das Kunst-
werk ist. Der Dilettant unterscheidet sich vom Künstler ungefähr so, wie der
Spaziergänger vom Reisenden. Dieser sucht sein Ziel ohne alle Umwege auf der
kürzesten Geraden zu erreichen, jener findet sein Vergnügen im Wandern selbst.
Verfolgen wir den Weg, den beide zurücklegen.

Ausführliche Darlegungen über den Weg künstlerischen Schaffens finden sich
in Dessoirs Ästhetik sowie in dem Aufsatze J. K. Kreibigs »Beiträge zur Psychologie
des Kunstschaffens« (im 4. Bande dieser Zeitschrift). Dort wird das Kunstschaffen
zerlegt in die drei Stadien der Konzeption, Skizze und Ausführung (innere Durch-
führung), hier in die der Konzeption, Komposition und Koadaption. Beide Eintei-
lungen stimmen im wesentlichen überein. Ohne die Bedeutung dieser Dreiteilung
in Frage zu ziehen, möchte ich doch für meine Zwecke eine Zweiteilung vorschlageiii
die zum wenigsten den Vorteil hätte, daß die beiden Perioden durch ein deutliches
äußeres Moment geschieden sind. Die erste Phase umfaßt die inneren Vorgänge
des Kunstschaffens bis zum Augenblicke der ersten Objektivierung des Ergebnisses,
die zweite das Zusammengehen innerer und äußerer Vorgänge vom Augenblick der
ersten Skizzierung bis zur Vollendung. Und zwar empfiehlt sich diese Zweiteilung,
weil Konzeption, Komposition und Koadaption wohl theoretisch geschieden werden
können, nicht aber im konkreten Falle, wo vielmehr diese drei Stufen ineinander-
fließen, ferner deshalb, weil Konzeptionserscheinungen noch bei der Skizzierung und
Ausführung vorkommen können und in den meisten Fällen tatsächlich vorkommen,
wie ja manchesmal erst der Reim den Gedanken erzeugt.

Bei jedem Schaffen auf dem Gebiete der Kunst sowohl beim Dilettanten wie
beim Künstler beginnt die erste Periode mit dem scheinbar spontanen Auftauche
einer Phantasievorstellung oder eines ganzen Komplexes von Phantasievorstellunge'
im Bewußtsein, das ist mit der Konzeption. Dieser erste Keim entwickelt sich ui
wächst durch das Hinzukommen neuer Vorstellungen, die nach den Gesetzen
Assoziation (im allgemeinsten Sinne) wie bei der Kristallisation anschießen,
wieder ihrerseits einen Einfluß auf die ursprünglichen Vorstellungen auszuube •
Der Form nach läßt sich hierbei zwischen den Individuen kein Unterschied te
stellen, da ja alle denselben seelischen Gesetzen gehorchen müssen. Bezüglich
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