Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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288 BESPRECHUNGEN.

nicht in dem Dichter des »Wallenstein« das eigentliche Objekt seiner Ästhetik ge-
funden hat, sondern in Goethe, der als Totalität besaß, worüber Schiller nur teil-
weise verfügte. Der Epiker Goethe ist für Humboldt der reinste und höchste
Mensch, das Epos die wahre Dichtungsform der Humanität: so kam es, daß Hum-
boldt sein ästhetisches Glaubensbekenntnis in einem Buch über Hermann und
Dorothea« niedergelegt hat.

Humboldts Ästhetik geht prinzipiell vom Subjekt, vom schaffenden Künstler
aus. Kunst ist ihm »die Fertigkeit, die Einbildungskraft nach Gesetzen produktiv
zu machen«. Der Künstler kopiert nicht die Natur, sondern er bildet sie um; er
erhöht sie zur Form, zur Idee, zum Ideal. Dies Ideal entsteht weder durch Nach-
ahmung der Natur, wie Diderot meinte, noch durch Wahl aus der Natur, wie Mengs
und Winckelmann gelehrt hatten; sondern es ist ein Werk der schöpferischen Ein-
bildungskraft. Allein der Schöpfer verschwindet hinter seinem Werk: es bleibt nur
der gesetzlich erzeugte Gegenstand in seiner reinen Formeneinheit. Ist Idealität die
eine ästhetische Grundkategorie Humboldts, so ist Objektivität die zweite. Spranger
glaubt in der Betonung der Objektivität einen Einfluß von Friedrich Schlegels Auf-
satz »Über das Studium der griechischen Poesie« zu bemerken, wie er denn über-
haupt der Ansicht ist, daß sich Humboldt und Friedrich Schlegel in den Jahren 1795
bis 1797 erstaunlich nahe stehen; doch kann ich mich vorläufig davon nicht über-
zeugen. Unter Objektivität versteht Humboldt Gegenständlichkeit im goethischen
Sinne, lebhafte Sinnlichkeit, Gesetzmäßigkeit und Einheit der Erzeugung. Wenn
uns aus den individuellen Gestalten der Dichtung das Allgemein-Menschliche ent-
gegenstrahlt, wie bei Goethe, so verschmilzt die Objektivität mit der Idealität, und
die Kunst erhebt sich auf den Gipfel der Humanität. Die Idealität der Kunst wird
für Humboldt »zum Bilde der ethischen Totalität, ihre Objektivität zum Analogon
des universalen Strebens, und dies alles ruht auf der Basis des Individuellen, das
für sich weder ethisch noch ästhetisch wertvoll ist, sondern es erst durch solche
Steigerung und Ausweitung wird« (S. 373).

In der zweiten Periode Humboldts (bis etwa 1820) sind die alten Kantischen
Momente als integrierende Bestandteile der Ästhetik bewahrt, erscheinen aber nicht
selten in einer neuen, der Schellingschen angenäherten Terminologie und zeigen
eine Tendenz zur Fortentwicklung nach der spekulativen Seite hin; so insbesondere
der Geniebegriff.

Die dritte Periode, die Epoche der Sprachwissenschaft, hat Spranger von seiner
Darstellung prinzipiell ausgeschlossen, weil die Humanitätsidee durch die letzten
Werke Humboldts keine wesentlich neue Beleuchtung empfange, sondern eher um-
gekehrt die Sprachphilosophie und ihren Totalitätsbegriff befruchtet habe. Er weist
nur kurz darauf hin, daß die Sprachwissenschaft ohne die Ästhetik unmöglich wäre.
Dieser ganze Ideenkomplex bedarf, wie der Verfasser mit Recht hervorhebt, einer
selbständigen Untersuchung, die auch auf Humboldts Beziehungen zu der roman-
tischen Sprachlehre Bernhardis Rücksicht zu nehmen hätte. Hoffentlich kann ich in
einiger Zeit eine Arbeit über die Sprachphilosophie der Romantik vorlegen, worin
auch dies Problem behandelt werden soll.

Auch auf die Nachwirkung der Huinboldtschen Ästhetik ist Spranger nicht ein-
gegangen. Populär im gewöhnlichen Sinne, das begreift sich von selbst, konnte
sie nicht werden. Daß ein so feiner Kopf wie Viktor Heiin sie schroff und, man
darf wohl sagen, verständnislos abgelehnt hat, macht immerhin nachdenklich, läßt
sich aber aus dem Wesen dieses eigenartigen Geistes bei näherem Zusehen ganz
gut erklären. Und es ist nun bezeichnend und bedeutsam, daß gerade ein Helm
so unsympathischer Gelehrter wie Gervinus, der erste große Geschichtschreiber der
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