Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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602 BESPRECHUNGEN.

gewissem Sinn Natur ist (S. 90), so muß sie in gewissem Sinn auch der Natur-
erkenntnis offen sein.

Die große Schwierigkeit dieser in sich geschlossenen Lehre von der Kunst als
einer Erkenntnisform (S. 155) liegt in der Frage, woran denn schließlich der Künstler
zu erkennen sei. Da Fiedler jede Kritik des Künstlers fast ängstlich abwehrt — sie
ist ihm eben Kritik einer Naturoffenbarung —, so bleibt es zweifelhaft, was den
rechten vom falschen Künstler scheide. Woraus erkennt man, daß die Sichtbarkeit
richtig herausgearbeitet ist (vgl. S. 48), zumal das »ästhetische Gefühl« über die
Schwelle verwiesen wird (S. 55)? Um die Frage konkret zu stellen: ist Eduard
Munch —, ist Peter Cornelius —, sind sie beide als Männer anzusehen, die die Natur
zu voller Evidenz bringen? und wenn nicht — woran ist ihre unkünstlerische Art
kenntlich?

Hildebrand, dessen Lehre (S. 104 f.) besprochen wird, gibt sozusagen die prak-
tische Psychologie des Künstlers mit seiner so fruchtbaren Unterscheidung von Da-
seins- und Wirkungsform (S. 113). Aber auch viel, was »Künstler« schufen, erklärt
gerade er für unkünstlerisch! schließlich doch wohl nur aus dem Selbstgefühl der.
spezifischen Künstlerseele heraus!

Als der Philosoph, der den Kunstnaturphilosophen am nächsten steht, wird
Riehl (S. 131 u. ö.) gern zitiert, wogegen wiederholt (S. 46, 48 Anm.) gegen Jonas
Cohn polemisiert wird. Übrigens konnte eine allgemeinere historische Einordnung
bei Fiedlers verhältnismäßig isolierter Stellung allerdings zunächst unterbleiben.

Berlin.

Richard M. Meyer.

Karl Stumpf, Philosophische Reden und Vorträge. Leipzig 1910,
J. A. Barth. 5 M., geb. 5.80 M. 261 S.

»Freunden psychologischer Zergliederung« werden diese Vorträge über die Lust
am Trauerspiel, über Leib und Seele, den Entwicklungsgedanken in der gegen-
wärtigen Philosophie, die Methodik der Kinderpsychologie, die Wiedergeburt der
Philosophie, den ethischen Skeptizismus und die Anfänge der Musik vor allem jenen
Genuß bereiten, den eine fein und sicher geübte wissenschaftliche Technik auf jeden
empfänglichen Zuschauer ausübt. Es geht dem Leser dieses Buches, wie nach
Stumpf dem Besucher der Tragödie: die Gesamtstimmung, die das Werk hinter-
läßt, scheint fast wichtiger als die einzelnen Eindrücke.

Es sind fast alles Untersuchungen, die sich auf die Entstehung von Empfin-
dungen beziehen: allgemein in der Polemik gegen die Lehre vom psychophysischen
Parallelismus (S. 65 f.), der für den nicht von Fechner kaptivierten Laien immer etwas
Zaubermäßiges besitzt; spezifisch in den ästhetischen Untersuchungen: wie wird in
uns das tragische Hochgefühl (S. 1 f.), die musikalische Empfindung (S. 225 f.) er-
zeugt. Stumpfs einzig dastehende Vereinigung von historischen, technischen,
psychologischen Kenntnissen auf dem Gebiet der Tonpsychologie macht den
schwierigsten, letzten Aufsatz auch besonders wichtig. Spezifisch handelt auch der
Aufsatz vom Entwicklungsgedanken (S. 94 f.) und der Wiedergeburt der Philosophie
seit Lotze und Fechner (S. 189) von der Entstehung gewisser wissenschaftlicher
Anschauungen, die mit einer bestimmten Weltempfindung untrennbar verbunden
sind. Ähnliches gilt von der Rede gegen den ethischen Relativismus (S. 197 f.), die
auf dem Umweg über die theoretische Erkenntnis der Pflicht (S. 221) auf die Herzen
wirkt. — Nur der Vortrag über die »scientia amabilis« (S. 159) der Kinderpsycho-
logie behandelt die methodischen Fragen, deren Übung die sämtlichen Studien so
lichtvoll macht. Aber auch hier ist ja die Entstehung von Empfindungen und Ge-
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