Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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608 BESPRECHUNGEN.

immerhin möglichst ausgeschaltet sein. Die Serie verspricht die berühmtesten
europäischen Kupferstichkabinette zu berücksichtigen. Aber der Zwang der Aus-
wahl treibt zu einem Widerstreit der ästhetischen und der geschichtlichen Interessen.
Entweder der eine oder der andere Gesichtspunkt tritt in den Vordergrund. Er
wird nicht nur die Bilderauswahl bestimmen, sondern auch auf die Art des Kom-
mentars wirken. Die ästhetischen Interessen verlangen synthetische, die geschicht-
lichen analytische Arbeit. Die kunsthistorische Zergliederung ist allerdings die
Grundlage, aber ihren Sinn bekommt sie erst in der ästhetischen Synthese, die das
psychologische Ergebnis der kunstgeschichtlichen Daten zieht. Der Forscher legt
mehr Wert auf das eine, der Liebhaber auf das andere. Darüber muß sich der
Bearbeiter klar sein, wenn er schon kein umfassendes und erschöpfendes Werk
liefern will, und er muß beherzt einen Entschluß fassen, ehe er den Antrieben
seines kunstgeschichtlichen Spezialistentums nachgibt. In diesem Fall wird er dann
leicht dazu kommen, seinen Text als die Hauptsache zu betrachten, als selbständige
kunstgeschichtliche Untersuchung, der die Abbildungen als Beweismaterial dienen.

Diese allgemeinen Bemerkungen spinnen sich an zwischen dem Programm des
Herausgebers und dem ersten Schritt zu seiner Verwirklichung. Der Bearbeiter
des vorliegenden ersten Bandes hat sich nach meinem Eindruck der drohenden
Klippen nicht ganz versehen, so fleißig im übrigen die geleistete Arbeit ist, die in
vornehmer Ausstattung mit vorzüglichen Lichtdrucktafeln auftritt. Dem kunstfreund-
lichen Publikum, dem doch der Verfasser mit seiner »Einführung in Callots Stich-
und Radierwerk« in erster Linie dienen will, wird manchmal, wie mir scheint, auf
der einen Seite zuviel, auf der anderen zuwenig gegeben. Ein solches Zuviel ist
etwa das ausführliche Eingehen auf die Streitfrage über die Urheberschaft des
Skizzenbuchs der Albertina, das übrigens Nasse mit Leverthin dem Stefano della
Bella zuweist. Ein Zuwenig dagegen ist die Skizze über Stich und Radierung vor
Callot.

Über die Kreise der Fachwissenschaft hinaus hat der Name Callot seinen be-
sonderen Klang durch die Bewunderung E. T. A. Hoffmanns. Callot hat aber da-
durch den etwas einseitigen Ruf eines Meisters des Grotesken und Phantastischen
sich aufprägen lassen müssen. Verdienstlich weist Nasse darauf hin, wie Callot
vor allem ein scharfer und exakter Beobachter alles Werdenden und Geschehenden
ist. Im Realismus liegen die Wurzeln seiner Kraft. Der Mühe einer zusammen-
fassenden und tiefergehenden Bestimmung des ästhetischen Charakters Callots hat
sich der Verfasser leider nicht unterzogen. Er begnügt sich mit gelegentlichen An-
deutungen wie bei dem kurzen Vergleich mit Goya (S. 71). Wie dem nun auch sei,
freuen wir uns an dem, was der Verfasser als guter Kenner seiner Materie in
diesem ersten Band eines dankenswerten Unternehmens bietet.

Friedenau.

Theodor Poppe.

Willy Becker, Rembrandt als Dichter. Eine Untersuchung über das Poetische
in den biblischen Darstellungen Rembrandts. — Mit 55 Abbildungen auf
20 Tafeln. — Leipzig 1909, Verlag von Klinkhardt & Biermann. 8". X und
162 S.

Im ersten Teil bietet diese Arbeit eine grundsätzliche und allgemeine Erörte-
rung der Möglichkeiten poetischen Inhalts in Werken der Malerei, wobei der Verfasser
eine große Abhängigkeit von den kunsttheoretischen Schriften Schmarsows verrät,
aus dessen Schule er hervorgegangen ist. Die ästhetischen Grundlagen, auf denen
er weiterbaut, entnimmt er ganz den Lehren seines Meisters, so z. B. die Begriffs-
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