Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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622 BESPRECHUNGEN.

sich wohl nur an Hand dieses Lexikons über Riemanns Motivdefinition unterrichten
wird, hätte diese wohl breiter und sowohl in ihrer theoretischen Begründung wie
in der praktischen Erläuterung eingehender angelegt werden sollen. Ähnliches
(in bezug auf die theoretischen Ausführungen) wäre bei dem Artikel Takt zu
wünschen. Auch bedürfte das Verhältnis von Takt und Motiv einer genaueren Be-
stimmung. Im allgemeinen glaube ich, daß die begriffliche Formulierung dieser
Grundfragen der musikalischen Rhythmik (auch durch Riemann) noch nicht den
letzten Grad der Abklärung erhielt, der ihr allein erst unbedingte Überzeugungs-
kraft auch dem gegenüber verleihen kann, der nicht durch lange eigene Über-
legungen die Haltbarkeit des Riemannschen Systems zu erkennen vermag.

Als metrische Erscheinung definiert Riemann, wie bereits angedeutet wurde,
vor allem die Gruppenbildungen zweiten und höheren Grades. Hier ist es mir
unverständlich, daß er die Zweiergruppen allein als ursprüngliche Bildungen gelten
läßt und alle Dreiergruppen von diesen ableitet. Durch diese, wie ich meine, ganz
willkürliche, beengende Voraussetzung nimmt sich Riemann die Möglichkeit, sein
so klar angelegtes System natürlich weiter zu entwickeln. Was beim Zusammen-
schluß von Zählzeiteninhalten zu Motiven gilt (daß nämlich neben der Möglichkeit
des Zusammenschlusses zweier dieser Werte gleichberechtigt die Vereinigung dreier
Zählzeiten zum Motive besteht), das gilt auch für die höheren Gruppen. So stehen
sich also zwei- und dreimotivige Gruppen prinzipiell gleichwertig nebeneinander,
und auch die unleugbare Tatsache, daß in der musikalischen Praxis die Zweier-
gruppen weit häufiger anzutreffen sind als die ungeraden, ändert nichts an dieser
Grundvoraussetzung. Eine weitere Folge derselben ist, daß man Abstand nehmen
muß, den achtmotivigen Satz:

Halbsatz

Gruppe

I Motiv M || ||

i—:—11-------------11—;—11-------------11--------------11--------------11-------------1 r

t

© © © ®

so wie es Riemann will, als die einzige musikalische Satzbildung anzusehen, von
der alle anderen in der Praxis auftretenden nur Umformungen seien.

Dem Begriff der Verschränkung gebührte wohl auch ein besonderer Artikel,
den man noch vermißt. Es wäre in ihm kurz zu erklären, was eine Motiv-, was
Satzverschränkung ist.

Potsdam. Hermann Wetzel.

Les sentiments esthetiques, par Charles Lalo (Bibliothcque de phäosophie
contemporaine). Paris, Felix Alcan, 1910. 8°. 273 S.
• Es ist interessant und lehrreich für die deutsche Ästhetik, ihr Bild im Spiegel
einer fremden Nationalität zu sehen, zumal wenn es von französischer Seite gezeigt
wird, von dem Volk, das immerhin in aestheticis an sicherem Kunstgefühl einen
starken Vorsprung hat, und von einem Vertreter, der wie Charles Lalo eine ausge-
breitete Kenntnis zeitgenössischer deutscher Ästhi r an den Tag legt. Der heil-
same Mangel an Sentimentalität in Kunstsa« hen, ■ sich, wie man wohl sagen
kann, als Konstante in der französischen Kunb.. -■.). bis zur Zuspitzung in frostigen
Formalismus, macht sich denn auch sofort in der Polemik gegen das geltend, was
Lalo als Neosentimentalismus in der Ästhetik bezeichnet, wobei vor allem die
deutsche Einfühlungstheorie scharf mitgenommen wird, aber noch viel mehr, in
ebenso graziöser wie beißender Polemik, der französische ästhetische Mystizismus,
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