Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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124 BESPRECHUNGEN.

Heinrich Schäfer, Von ägyptischer Kunst, besonders der Zeichen-
kunst. Eine Einführung in die Betrachtung ägyptischer Kunstwerke. Leipzig,
J. C. Hinrichssche Buchhandlung, 1919. (Bd. 1: XII u. 203 S., 1 Taf., 119 Abb.;
Bd. 2: 48 S., 53 Tai, 6 Abb.)

Der in Deutschland bisher noch nicht erlahmten Vorliebe für altägyptische Kunst,
die durch die in das Berliner Museum gekommenen Funde aus Teil el-Amarna fast
bis zur Leidenschaft gesteigert wurde, hat das Schäfersche Buch neuen und, wie der
schnelle Absatz der ersten Auflage zeigt, erwünschten Stoff zugeführt. Viele wird
der trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse reiche und gut ausgewählte Abbildungs-
stoff, der namentlich im zweiten Bande geboten ist, schon allein gereizt haben, aber
der eigentliche Wert des Buches liegt nicht nach dieser Seite hin. Schäfer will den
für ägyptische Kunst sich begeisternden Laien in die Geheimnisse der ägyptischen
Zeichenkunst, weniger in die ägyptischen Kunstwerke im allgemeinen, einführen.

Den Anstoß zu dieser Arbeit oder eigentlich zu dieser Reihe verschiedener Auf-
sätze, die hier nun in einen inneren Zusammenhang gebracht worden sind, gab
eine lange Jahre zurückliegende Bemühung Schäfers, der ägyptischen Menschen-
darstellung eine einheitliche bildliche Ansicht unterzulegen. Er vertrat, wenn ich
recht unterrichtet bin, damals die Ansicht, daß die Ägypter den menschlichen Körper
in halber Vorderansicht — etwa unter 45° von vorn — abgebildet hätten. Hiervon
finden sich noch Spuren in dem jetzt vorliegenden Buche im 6. Abschnitt von der
»Naturwiedergabe in der zeichnerischen Grundform des stehenden Menschen«, wo
(S. 187), wenn auch mit den nötigen Einschränkungen, gesagt wird, daß in späterer
Zeit, von der 18. Dynastie (rd. 1400 v. Chr.) an, in gewissen Fällen das »Menschen-
bild bewußt als einheitliche Schrägansicht aufgefaßt« wurde. Es ist nicht zu leugnen,
daß besonders begabte Künstler dieser Zeit aus der üblichen ägyptischen Menschen-
darstellung gelegentlich Typen herausgebildet haben, die Abbildungen in halber
Vorderansicht möglichst angenähert sind, aber das sind Einzelfälle, die auf das Ge-
samtgepräge der ägyptischen Menschendarstellung, auch in der späteren Zeit, ohne
tiefe Einwirkung geblieben sind.

Die Menschendarstellungen kommen vielmehr so gut wie ausnahmslos so' zu-
stande, daß der Kopf von der Seite, das Auge von vorn, die Schultern ebenso von
vorn, die Brust, der Rücken, Arme und Beine von der Seite und die Füße auch von
der Seite — beide von innen gesehen! — im einzelnen dargestellt werden, und aus
diesen Einzeldarstellungen eine nun natürlich durchaus uneinheitliche Darstellung
zusammengesetzt wird. »Da hilft kein Suchen nach einer einheitlichen Natur-
ansicht!«

Den Ausdruck Menschen»darstell«ung setzte ich absichtlich, da man von »Ab-
bild«ung nur reden sollte, wenn es sich um eine Wiedergabe, wie wir etwas »sehen*,
handelt. Das hat, nebenbei bemerkt, Schäfer übersehen, wenn er (S. 53) gegen einen
Helmholtzschen Ausspruch angeht, in dem dieser das Wort »Abbild« ganz richtig
in dem oben angedeuteten Sinne brauchte. Man könnte eine ägyptische Menschen-
darstellung mit einer technischen Zeichnung unserer Tage vergleichen, die jeden
Teil möglichst deutlich zum Verständnis bringt, aber auf perspektivische Abbildung,
die nur anschaulich wirkt, verzichtet.

Schäfer nennt diese Art der Darstellung »vorstellig« im Gegensatz zur »wahr-
nehmigen«. Beide sprachlichen Neubildungen scheinen mir nicht besonders schön
zu sein, haben aber die Kürze für sich. Ich habe früher einmal (Grabdenkmal des
Königs Sahu-re, Wandbilder, S. 5), und zwar, wie ich bemerken möchte, ohne Be-
einflussung durch Schäfers Arbeiten, davon gesprochen, »daß der Unterschied zwi-
schen dem altägyptischen ,Malen mit dem Verstände für den Verstand' und ,dem
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