Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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230 BESPRECHUNGEN.

»Imaginationen«, sie gestalten vielmehr ihre Gefühlserregungen durch das Mittel
der »Phantasie«. Eine weitere Form ist die Gotik mit ihrer »christlichen Frontalität«.

Alles dies ist eigentlich noch praereligiös. Denn »ein religiöses Kunstwerk geht
nicht nur, wie alle echte Kunst, aus Gott hervor, sondern es handelt auch von ihm
und von dem Menschen, der ihn erkennt«. Form, Gegenstand, Gesinnung müssen
sich zur Religiosität vereinigen, damit ein im höchsten Sinne religiöses Kunstwerk
entstehe. Unter diesem Gesichtspunkt prüft nun Herr Hartlaub die neueste Ent-
wicklung, von der christlich-bürgerlichen Kunst der Nazarener an. Was er sagt,
iinde ich ernstlich anregend, zum Teil ausgezeichnet, und ich freue mich an der
gewählten Sprache — immerhin scheint mir auch hier eine gewisse Unselbständig-
keit und Kraftlosigkeit gelegentlich hervorzutreten. Bei einzelnen Kennzeichnungen
sind alte Erinnerungen in mir aufgetaucht. Der nebenbei erwähnte Plockhorst hatte
in seinem Atelier Bilder, für die ich als Knabe schwärmte; als ich in späleren Jahren
sie wiedersah und über sie mit dem greisen Maler sprach, entdeckte ich von neuem
manche gute technische Eigenschaften daran; so ganz verächtlich sollte er nicht
behandelt werden. Bei der Nennung Blakes gedachte ich der Stunden, die ich in
seinem pietätvoll erhaltenen Hause verlebt habe, bei dem Namen Runge wurden
die köstlichen Deutungen Lichtwarks mir wieder lebendig, mit denen er mich bei
Besuchen der Hamburger Kunsthalle beschenkte. — Vortrefflich ist die, wohl durch
Meier-Graefe angeregte Vergleichung zwischen den religiösen Bildern der Freiluft'
und Freilichtmaler und dem philosophischen Positivismus des 19. Jahrhunderts.
Dann geht es über zu van Gogh, Munch, Minne, Lechter, Toorop, Hodler, von denen
Lechter ungebührlich hart beurteilt wird. Das Ergebnis lautet: »Religiös-christliche
Kunst im strengen Sinn, Werke, die beides, religiöse und ästhetische Qualität, voll-
kommen vereinigen und versöhnen, hat uns der bisher durchmusterte Zeitabschnitt)
der doch so hoffnungsfroh an die Lösung dieser Aufgabe gegangen war, kaum
geschenkt« (S. 71). Doch darf man von der neuesten Kunst einen Fortschritt er-
warten, da jeder wirklich expressionistische Kunstwille dem Entstehen einer reli-
giösen Kunst den besten Nährboden bietet. Bisher aber versagen auch die jüngeren
Maler, die Herr Hartlaub übrigens mit großer Sach- und Personenkenntnis behandelt,
gegenüber dem religiösen Bild, vielleicht weil sie beim Malen selbst nicht in der
gläubigen Ergriffenheit verharren, die zum Gelingen nötig ist. Ausführlich spricht
der Verfasser über Beckmann, dessen Deutschtum er in der Richtung Hans Baldungs
und Grabbes sucht, und über den ihm entgegengesetzten Nolde. »Wir befinden
uns im Zwischenreich und schauen nur hinaus auf das gelobte Land .. . Einst wird
es aber einer Entstellung nicht mehr bedürfen, nur einer autonomen Vergeistigung
der Wirklichkeit, deren ,Ideal' zugleich ihr Jenseits' sein wird ... Es kommt darauf
an, daß der ,Expressionismus' sich treu bleibt. Dann baut er zu seinem Teil mit
an dem Fundament einer Gesinnung, welche die neuen Symbole schaffen soll, die
uns heute noch gänzlich fehlen und durch welche das Christentum erst seine neue
Daseinsform gewinnen wird. Erst wenn dieses Dasein gesichert ist, wird auch die
neue religiöse Kunst geboren sein« (S. 102 f.).

Beigegeben sind 76 Tafeln in guter Ausführung. Nicht bei allen ist die Not-
wendigkeit der Wiedergabe einzusehen; manche Künstler scheinen ohne rechten
Grund bevorzugt; andere fehlen bedauerlicherweise. Im ganzen jedoch sind die
Abbildungen ein wichtiger Bestandteil des Buches.

Berlin. Max Dessoir.

Richard Müller-Freienfels, Persönlichkeit und Weltanschauung-
Psychologische Untersuchungen zur Religion, Kunst und Philosophie. B. G.Teub-
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