Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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BESPRECHUNGEN. 251

Tiime, wie sie sich bei den romanischen Völkern vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
entwickelt hat, beruht auf einer konventionellen Gebärdensprache, die unserem
durch die naturalistische Schule gegangenen Geschmack nicht entsprechen dürfte
"nd nur das Feld der Stoffe arg zu begrenzen droht.

Ein wesentliches Moment für die Veranschaulichung sind die Großaufnahmen,
"le den Schauspielern ermöglichen, ihre mimische Kunst dem Publikum mehr noch,
als es im Theater geschehen kann, zu Gesicht zu bringen, denn die große Entfer-
nung des Zuschauers von der Bühne läßt vieles verloren gehen und wird durch
Zuhilfenahme des Opernglases nicht völlig überbrückt. Daß Lange es »als eine
Geschmacklosigkeit empfindet, die in dem Wechsel des Maßstabes und der daraus
^vorgehenden Unruhe liegte, kann nur geschehen, weil Lange wiederum nicht
genügend die psychologischen Ursachen, die hier zugrunde liegen, berücksichtigt.
Ule Großaufnahme des Kinos entspricht genau dem, was die Psychologie mit
'"Hckpunkt der Aufmerksamkeit« bezeichnet.

Beim ästhetischen Genuß ist dieses »in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit
"Ucken« schon immer geübt worden; trotz der stark wirkenden Volksszene in
"Julius Cäsar« wird sich die Aufmerksamkeit des Publikums doch immer dem reden-
den Brutus und dann dem nach ihm sprechenden Antonius zuwenden.

Die Sachlichkeit des nur auf Handlung gestützten Dramas scheint Lange auf
e'ne rohe Naturwiedergabe ohne Kunstveredlung herauszukommen. Er vermißt den
iu'> d. h. die Handhabe des Künstlers, mit der er ausdrückt, wie er das Dargestellte
ai,fgefaßt haben will. Ich sehe den Sachverhalt anders an. Was künstlerisch-not-
wendig ausgedrückt werden muß, kann auch durch die Gestaltung der Handlung
a"ein zum Ausdruck kommen, und es ist dem Kinodichter keineswegs versagt, z. B.
dle Sünde und das Verbrechen durch eine eingehende psychologische Begründung
erständlich zu machen«, wie Lange (auf S. 88) ausführt. Ist ihm denn nicht jene
echnik bekannt, die den Übeltäter, bevor er den Einbruch begeht, bei seiner.
Ungernden Kindern und am Krankenbett der Frau zeigt? Können keine Szenen
f'Unden werden, die uns vorführen, wie in einem Menschenherzen durch Hinblick
' M die vom Schicksal mehr Begünstigten Neid und Haß entstehen und ein Ver-
'ehtungswille erzeugt wird? Es ist nicht einzusehen, warum sich solches nicht in
^°rtloser Handlung gestalten und in malerischen Bildern wiedergeben ließe,
^"erdings sind solche künstlerisch-einwandfreien Dramen noch nicht auf dem Spiel-
en unserer Kinos, aber einzelne Ansätze dazu machen sich allerorten geltend.
tlne Gruppe von Theaterstücken, die unseren Vätern und auch wohl noch uns in
nserer Jugend viel Freude machte, jetzt aber ausgestorben scheint, das Volksstück,
. Ie es z. B. die Birch-Pfeiffer pflegte, dürfte auf der Lichtspielbühne, natürlich mit
ren Mitteln, ein großes Feld haben und ihr Publikum finden.
Berlin-Wannsee.

Rolf Wolfgang Martens.

'"z Schumacher, Das Wesen des neuzeitlichen Backsteinbaues.
München, Verlag von Georg D. W. Callwey, München 1917, 150 S., 8°.
, Die bei vielen Künstlern verbreitete Meinung, daß der Schaffensakt sich trieb-

aft ohne wesentliche Beteiligung des Intellekts vollziehe, hindert schöpferische
Künstler keineswegs an dem Nachdenken ihres Schaffens im eigentlichen Wort-
S,.nn- Insbesondere kann die Raum- und Zweckkunst des Vor- und Nachdenkens

'emals ganz entraten, und die Annäherungsversuche zwischen Theorie und

ra*is, zwischen Philosophie und Architektur mehren sich gerade in unseren Tagen
?Usehends, wie die Untersuchungen von Schmarsow, Höber, Sörgel, Ostendorf,
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