Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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430 BESPRECHUNGEN.

— Einsamkeit, Weltflucht, Eremitentum, Kampf mit bösen Dämonen — erst für die
Romantiker gewinnen, die ja in jeder Hinsicht das Erbe des Sturmes und Dranges
antraten! Qolz beginnt mit Jean Pauls »Unsichtbarer Loge« (ein Werk, das
K. Ph. Moritz noch kannte und rühmte!) und betrachtet der Reihe nach Eichendorff,
Chamisso, Novalis, Hölderlin, vor allem aber E. Th. A. Hoffmann (S. 61—68)
auf ihre Beziehungen zu den alten Legendenmotiven hin. Die Darstellung der fran-
zösischen Romantik, die sich daran anschließt, gipfelt in einer zusammenfassenden
Inhaltsangabe von Flauberts »Versuchung des heiligen Antonius« —keine leichte
Aufgabe! — die Golz auf nur wenig mehr als drei Seiten bewältigt. Die alten
Motive erscheinen hier bis aufs letzte ausgenützt und gleichsam zu Tode gehetzt.
»Der Pedantismus Flauberts ruhte nicht, bis er seine ganze enorme Gelehrsamkeit
mit seiner überreizten Phantasie verquickt hatte. Das daraus entstandene Monstrum
sollte den Wahnsinn darstellen« (S. 72). Wo blieb da der »Ausgleich« zwischen
Dämonie und Lebensfrömmigkeit, zwischen weltflüchtiger Askese und gläubigem
Sinnengenuß, wie ihn Wolfram gefunden, wie ihn Luther gelebt hatte?

Ein Dichter deutschen Stammes findet ihn zum dritten Male! Es ist natürlich
Gottfried Keller, der dies in seinen »Sieben Legenden« erreicht hat. Sein Ge-
währsmann war L. Th. Kosegarten, ein Freund Herders, in dessen Legendenbüchlein
er die Spuren einer »ehemaligen mehr profanen Erzählungslust« zu entdecken
glaubte, denen er nachging. Was für köstliche Dichtungen so entstanden sind, ist
allbekannt. Mit Recht schließt deshalb Golz mit ihrer Darstellung (S. 75—83) seine
Abhandlung und läßt lieber noch ein (mit Keller zu sprechen) »bescheidenes Kunst-
reischen« folgen, das den alten Eremitenmotiven in Malerei und Graphik nachgeht,
anfangend mit Schongauer und Grünewald und schließend mit dem gemütlichen
Schwind, der das Spielmannsmotiv so gerne mit dem Einsiedelmotiv verbindet und
so der wahre Illustrator Meister Wolframs v. Eschenbach genannt werden könnte,
der da singt:

»Von den Sünden schied er mich,
riet mir aber — dideldumdei — spielmannlich.«
Heidelberg. Hermann Glockner.

Georg Hall mann, Das Problem der Individualität bei Friedrich Hebbel.
Beiträge zur Ästhetik, begründet von Theodor Lipps und Richard Maria Wer-
ner, Heft XVI. Leipzig 1921. 74 S.
Das Individualitätsproblem steht im Mittelpunkt der Hebbelschen Weltanschauung
und kann aus diesem Grunde nur sehr schwer für sich allein aus der Gedankenmasse
des Dichters herausgelöst werden. Georg Hallmann macht diesen Versuch, der ihn
an die Grenzen des Hebbelschen Denkens wie des menschlichen Denkens überhaupt
führen muß, und nimmt dabei den Weg vom Dramatiker zum Theoretiker und wiederum
vom Theoretiker zum Dramatiker. Die Darstellung eines »Systemes der Hebbelschen
Philosophie« lehnt er (S. 12) ausdrücklich ab: Hebbel war kein Philosoph; er gab
die »Resultate ohne die Genesis« (S. 14). Nach einer Charakteristik der »ersten
dichterisch-individuellen Gestalten von Judith' bis zu ,Maria Magdalene'«, die auf-
zeigen soll, aus welcher Tiefenschicht des Erlebens und des Dichtens Hebbels
Individualitätsbegriff gewissermaßen »gleichzeitig« mit der poetischen Konzeption
herausgewachsen ist, wird Hebbels »Theorie« des Individuellen zunächst im Rahmen
seiner Gedankenwelt überhaupt, dann innerhalb seiner speziellen ästhetischen An-
schauungen vom Wesen des tragischen Prozesses auf Grund des Tagebuch- und
Briefmaterials dargestellt. Es ist klar, daß es dabei nicht ohne eine Analyse des
Hebbelschen Schuldbegriffes abgehen kann, der ja durchaus in des Dichters meta-
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