Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 35.1941

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BESPRECHUNGEN

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Wer sich scheut, die zumeist vielhundert Seiten starken Bände Breysigs zu lesen
und doch einen Zugang zum Werke dieses Forschers sucht, der wird deshalb gern
zu dem kleineren Buch E. Herings greifen, der mit der Begeisterung des un-
bedingten Jüngers dem Meister auf seinen vielverschlungenen Pfaden nachgeht und
deshalb sehr geeignet als Wegweiser ist. Verständnisfreudig und verständnisvoll
hebt er die Hauptgedanken der starken Bände heraus, zeigt er die von der Wissen-
schaft noch unentdeckten und ungehobenen Werte, die Breysigs Denken erschlossen
hat. Durchaus wird die Weite des Breysigschen Geistes offenbar, dem nicht immer
die Schärfe ganz entspricht. Zuweilen gibt Hering seinem Meister auch selbst das
Wort, gerade über Fragen und Gestalten der Kunst, denen gegenüber der warme
Enthusiasmus, der Breysigs Werken oft einen besonderen Glanz gibt, aufleuchtet.
Dagegen wird Spengler doch über Gebühr herabgesetzt, der Breysig wohl nicht an
Weite und Sachlichkeit, aber doch in der Kraft physiognomischer Deutung und Pla-
stik der Gestaltung überlegen war. Aber auch ich bin überzeugt, daß Breysigs
Geschichtsphilosophie sich auf die Dauer gegenüber dem Spenglerschen Schematis-
mus durchsetzen wird, da er das Geschehen richtiger und weniger konstruierend er-
faßt hat.

Gleichzeitig legt der Verlag de Gruyter den zweiten und wohl letzten Band
von Breysigs „Geschichte der Menschheit" vor, falls nicht im Nachlaß
noch weitere Manuskripte fertig vorliegen. Der erste Band ist an dieser Stelle, so-
weit er für unsere Zeitschrift in Betracht kommt, gewürdigt worden. Was dort gesagt
wurde, gilt in der Hauptsache auch hier, wo die „Völker ewiger Urzeit"
(Nordländer, Nordwestamerikaner, Nordostamerikaner) geschildert werden. Auch
dieser Band enthält eine reiche Fülle sonst schwer zugänglichen und zerstreuten Ma-
terials, einheitlich gesichtet. Es ist tief bedauerlich, daß das großangelegte Werk nur
bis an die Schwelle dessen, was man sonst als „Geschichte" behandelt, gelangt ist,
und daß der Tod dem Verfasser die Feder entrissen hat. Die Frage, wie Breysig in
den geplanten sechs weiteren Bänden die Fülle des Geschehens der bisher als allein
„geschichtlich" angesehenen Jahrtausende zusammengeballt hätte, wird wohl leider
unbeantwortet bleiben. Aber ist auch dies letzte Werk ein Torso geblieben, das Ge-
samtwerk Breysigs ist ein Ganzes, durchwirkt von einheitlichen Grundideen, und so
möge es auch auf die Zukunft wirken, in die dieser Deuter der Vergangenheit gern
mit prophetischem Blick hinauszuschauen strebte.

Berlin. R. Müller-Freienfels.

Dr. Matthias Schrecklinger: Die Kunst und das kommu-
nistische Manifest. Über Wesen und Wirkung einer marxistisch-sozia-
listischen Ästhetik. Kunstgeschichtliche Studien, Heft 1. Verlag Emil Ebering,
Berlin SW 68, 1939.

Ein Schriftsteller früherer Zeiten würde dieses Buch vielleicht genannt haben:
„Verstreute Gedanken über einige Bemerkungen gewisser marxistischer und andrer
Ästhetiker zu vereinzelten Fragen der bildenden Kunst und Architektur, unter
gelegentlicher Berücksichtigung der Literatur", und er würde unter einem solchen
Titel wahrscheinlich mehr geboten haben, als Dr. Schrecklinger. Um das fast einzig
Gute der Arbeit vorwegzunehmen, sei gesagt, daß es ein Verdienst ist, derartige Fra-
gen wieder einmal angerührt zu haben und sie zu realistischer Prüfung zur Debatte
zu stellen. Die Unzulänglichkeit der Bearbeitung des wichtigen Themas zwingt zu
eindringlicher und eingehender Kritik.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXV. 5
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