Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 15.1880

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voi: wirklicher Schönheit

der Besitzer, desselben, Baron Eisenberg, mit







Jahre noch immer Spuren
zeigte.
Das fiebergeröthcte Gesicht des Kranken verfinsterte
sich, die starken Weißen Augenbrauen zogen sich zusam-
men und die jetzt schwache Hand fuhr dennoch unruhig
über die Weiße seidene Bettdecke. Er starrte einige Se-
kunden finster vor sich hin, dann sagte er in einem
festen entschiedenen Tone, der im Widerspruch mit seiner
großen Körpcrschwäche stand: „Bitte, Karola, rufe mir
Fritz, ich will noch einmal selber eine Depesche absenden."
„Aber wozu sollst Du Dich unnütz aufregcn, lieber
Bruder?" sagte die Schwester und. suchte ihre etwas
scharfe Stimme möglichst zu dampfen. „Wenn Du cs
durchaus wünschest, werde ich sehr gern die Sache wie-
der besorgen, obwohl —"
„Nein, Fritz soll kommen," sagte der Kranke mit
jener eigensinnigen Gereiztheit, die solchen Leidenden
eigenthümlich ist.

In den klugen scharfen Angcn der Schwester blitzte
ein lebhafter Unmuth auf, sie nagte an ihrer Unter-
lippe, dennoch fuhr sie in sehr sanftem Tone fort, der
freilich etwas Gekünsteltes hatte: „Wie Du willst. Ich
werde Fritz rufen," und sie wollte rasch und geräusch-
los aus dem Zimmer gleiten.
Der Kranke hatte aber schon die an der Wand seines
Bettes befindliche Klingel gezogen, und als darauf ein
Dienstmädchen erschien, befahl er leise: „Fritz soll
kommen!"
Das Mädchen mußte den Herrn nicht gleich ver-
standen haben, denn cs fragte: „Was befehlen der Herr
Baron?" während ihre Angcn auf der Schwester des
Kranken ruhten, die seinen Befehl wiederholte, dabei
aber mit der schlauen Dirne verständuißvolle Blicke
austauschte, die nun auch wirklich sogleich die Antwort
gab: „Fritz ist soeben ansgcgangen."
Das blasse, von schweren Leiden entstellte Gesicht
des Barons färbte sich ein wenig und heftig
stieß er hervor: „Das ist Dienertreue. Er
hält mich schon für todt und glaubt es
nicht mehr nöthig zu haben, sich nm seinen
alten Herrn zu bekümmern."
„Kann nicht Auguste ebenfalls die De-
pesche besorgen?" fragte die Schwester.
„Nein, Fritz soll cs," entgegnete der
Kranke eigensinnig.
Frau v. Hammerstein gab dem Mäd-
chen einen Wink, sich zn entfernen, dann
sagte sie sanft und einschmeichelnd: „Ist
cs Dir nicht wohlthucnder, daß schwester-
liche Liebe Dich umgibt? Mir wäre der
Gedanke entsetzlich, wenn ich Dich der Pflege
bezahlter Hände überlassen müßte."
Der Kranke hob die ihm bereits schwer
werdenden Augenlider und ein Blick des
Mißtrauens schweifte über seine Pflegerin
hinweg, die soeben wieder an seinem Bette
Platz nehmen wollte. —
Zwischen Baron Eisenberg und seiner
Stiefschwester hatte niemals ein zärtliches
und inniges Berhültniß bestanden. Der
Baron war eine zn einfache schlichte Natur,
um sich zu einer Frau hingczogen zu füh-
le», deren höchstes Glück darin bestand, in
der großen Welt zn leben und sich allen
Glanz und allen Luxus zu gestatten, den
nur ihre Verhältnisse irgend erlaubten.
Ihm war Karola stets kalt, berechnend nnd
herzlos vorgckominen, nnd er hatte des-
halb für seine Stiefschwester nie große
Sympathie gehegt, wie sehr sich auch diese
bei ihren zeitweiligen Besuchen bemühte,
seine Gunst zn erwerben. Auch für ihre
beiden erwachsenen Söhne, die er freilich
sehr selten gesehen chatte nnd nur ober-
flächlich kannte, hatte der Baron keine be-
sondere Znneignng gefaßt; der Eine schien
ihm das Ebenbild der Blutter zu sein und
der Andere war ihm wieder zu leichtsinnig
und Phantastisch vorgekommen,

Eduard l>. Karlmann. Nach einer Photographie gezeichnet von T. Kolb. (L. 7.)
V will 8./

Verlöre n.
Roman
von
dwig Kabichk.
tNachdruck verboten.)
dem Gemache des Schlosses, in welchem
.. " . "7 ' ... 't
M fiebergerötheten Zügen auf seinenr Schmer-
ff zenslager ruhte, herrschte ein sanftes Däin-
merlicht, da die Borhänge an den Fenstern
sorgsam herabgelassen waren. Neben dem
Bette saß eine schlanke hochgewachsene Frau
mit scharfen energischen Gesichtszügen, die Stiefschwester
des Barons, Frau v. Hammerstein.
„Da siehst Du, wie kalt und lieblos er ist!" äußerte
sie in diesen: Augenblicke. „Er kommt nicht, obwohl er
weiß, wie schwer Du erkrankt bist, und Du jetzt die
Hand zur Versöhnung nach ihn: ausstreckst;
aber er hat ja nicht Zeit! Seine philo-
sophischen Studien nehmen ihn zu sehr in
Anspruch." Ein höhnisches kurzes Lachen
folgte den zwar mit leiser, doch mit ziem-
lich scharfer Stimme gesprochenen Worten.
„Und Du hast ihm noch einmal tele-
graphirt und ihm mitgetheilt, daß es schlimm
mit mir steht?" fragte der Kranke mit
matter Stimme.
„Gewiß, lieber Georg. Ich habe sofort
Deinen Wunsch erfüllt."
Der Baron blieb eine Weile nachdenk¬
lich, plötzlich richtete er sich halb empor.
„Wer hat die Depesche anfgegcben?" fragte
er langsam nnd zögernd und seine unruhi-
gen Blicke richteten sich ans die blasse feine
Frau neben ihn:, die jede seiner Bewegungen
mit ihren blauen, halb verschleierten Angcn
aufmerksam verfolgte.
„Warum?" fragte sie ruhig zurück. „Ich
selbst."
„Wo ist die Quittung?"
„Quittung?" wiederholte sie unbefan¬
gen. „Was meinst Du damit?"
„Die Bescheinigung über die gezahlten
Telegraphengebühren."
„Ist das wirklich nöthig? Ich habe
mir eine solche Quittung nicht geben lassen."
„Dann will ich noch eine telegraphische
Depesche an ihn abschicken."
„Wozu, lieber Bruder? Unsere Be-
amten sind ja so zuverlässig. Du kannst
ganz sicher sein, daß Herr v. Haidhausen
die Depesche erhalten hat. Als pessimisti-
scher Philosoph wird ihn freilich Dein Lei-
den wenig berühren; Dein Schwiegersohn
gönnt Dir sicher eine baldige Befreiung
von: Schmerz des Daseins und braucht
nicht den Trost, sich vorher mit Dir ver-
söhnt zu haben," und ein höhnisches Lächeln
glitt jetzt wieder über das feine bewegliche
Antlitz, das trotz seiner fünsundfünfzig



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