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gelingen

Prosrllor vr. Julius Sturm.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 103.)

und Ml drittes Mal vorlefen, ehe sic im
war, deren Inhalt zn fassen, und nachdem

lore n.
Roman
von
Ludwig K a b i ch t.
(Fortsehung.)

dies endlich geschehen, brach sie in ein wahres Jammer-
geheul aus.
„Giovanna krank, Giovanna sterbend!" schluchzte sie.
„O gebenedeite Schmerzensmutter, o ihr Heiligen, habet
Erbarmen mit ihr und mit mir, Giobanna, arme liebe
Giovanna!"
„Du bist ja in vielen Jahren nicht mit ihr zusam-
mengekommen ; ich meine, Ihr hättet nicht in Eintracht
gelebt, Mutter," erlaubte sich Annunziata leise zu be-
merken.
„Das ist es ja eben!" fuhr Petronella ans. „Wenn
sie stirbt und ich habe mich nicht vorher mit ihr ver-
söhnt, schleppe ich den Vorwurf zeitlebens mit mir
herum, und alle Seelenmessen, die ich für sie lesen lasse,
helfen nichts und befreien sie nicht ans dem Fegefeuer."
„So mache Dich schnell auf und fahre nach Pisa,"
mahnte Annunziata, ebenfalls von dieser Vorstellung
erschreckt.

nicht Annunziata dazu gekommen, welche den Boten
abfertigte, die Depesche erbrach und deren Inhalt der
Mutter vorlas. Das Letztere selbst zu thun, würde
dieser auch im ruhigsten Gemüthszustande schwer genug
angckommen sein; denn sie stand mit den krausen
Lettern ans sehr gespanntem Fuß und staunte die
Tochter, die so leicht und schnell damit nmzuspringen
wußte, wie ein Wunder von Gelehrsamkeit an.
Hatte das bloße Eintreffen des Telegramms schon
eine so überwältigende Wirkung auf Signora Petro-
nella ausgeübt, so raubte die Nachricht, welche es ent-
hielt, ihr den letzten Rest ihrer Fassung. Eine in Pisa
wohnende Base war schwer ertrankt, fühlte ihr letztes
Stündlein herannahen und beschwor sic, den ersten Bahn-
zug zu benutzen und zu ihr zu eilen.
Annunziata mußte der Mutter die Depesche ein
zweites
Stande

„Nach Pisa fahren, auf der Stelle,
als ob das so gar nichts wäre!" tobte
Petronella. „Was fällt der Giovanna
ein? Wie kann sie mir zumnthen, eine
solche Reise zu machen?"
„Wenn sie todkrank ist, kann sic doch
aber nicht zu Euch fahren, Tante!" lachte
Renzo, der hinzngckommcn war. Annun-
ziata warf ihm einen vorwurfsvollen Blick
zn. Wie durfte er wagen, in solchem
Tone zn der Mutter zu sprechen?
„Nein, nein, die Acrmste kann nicht
zu mir kommen," schluchzte Petronella.
„Wie soll ich aber zu ihr gelangen?"
„Auf der Eisenbahn," sagte Renzo.
„Du fährst ja nur ein paar Stunden,"
fügte Annunziata hinzu.
„Und Dich soll ich hier allein lassen,
Annunziata? Nimmermehr!"
„So nimm mich mit."
„Was füllt Dir ein, meinst Du, ich
hätte so Viel Geld, daß wir Beide im
Lande umherfahren könnten?"
„Base Giovanna ist reich, sic wird
Euch zur Erbin einscizen wollen," rief
Renzo dazwischen.
„Das arme Lamm," nickte Petronella,
„sie null sich mit mir versöhnen, wer weiß,
was sie sonst noch im Sinne hat. Ich
muß hin."
„So wollen wir schnell einige Sachen
zusammcnpacken, Mutter," versetzte An-
nunziata und wollte geschäftig davoneilen.
Die Mutter hielt sic beim Arme fest.
„Ich kann Dich nicht hier allein lassen."
„So fahre ich mit."
„Nein. Das Haus darf nicht ohne
Aufsicht bleiben und die Arbeit muß fertig
werden, der Padrone wartet darauf." Sic
deutete auf einen mit Stroh und Stroh-
flechtereien bedeckten Tisch.
„Soll ich telegraphiren, daß Du nicht
kommen kannst?" fragte Annunziata.

(Nachdruck verboten.)
dwin wollte trotz der dringenden Mah-
nungcn seines Bruders noch immer nichts
von der Abreise hören.
„Ich gehe nicht ans Florenz, ehe ich
' L nicht noch einen Versuch gemacht habe,
lsL Annunziata's Blutter zu erweichen."
„Du erntest von der Italienerin nur Spott und
Hohn; höre auf meine Bitten, komm mit mir nach
Rom," flehte Bernhard. Edwin blieb hartnäckig bei
seinem Nein.
Da Bernhard einsah, daß cs ihm nicht
werde, den Bruder zur gänzlichen Abreise
von Florenz zu bewegen, so drang er in
ihn, wenigstens jetzt den schon lange ge-
hegten und geplanten Abstecher nach Pistoja,
Bologna und Ravenna zu machen. Er
hoffte, wenn er ihn nur erst auf einige
Tage aus der Arnostadt entfernt habe, werde
es weniger Schwierigkeiten machen, ihn zum
Aufgeben des schon weit über ihren ur-
sprünglichen Plan ausgedehnten Aufent-
haltes daselbst zn bestimmen. Nach langem
Zögern und Widerreden willigte Edwin
endlich in den Vorschlag des Bruders, und
Bernhard ging sogleich aus, um Vorbe-
reitungen für den beabsichtigten Ausflug
zu treffen.
Am anderen Morgen verließen die
Brüder mit dem ersten Zuge Florenz und
begaben sich zunächst nach Pistoja.
10.
Signora Petronella lief händeringend
und heftig gestikulirend in ihrem Wohn-
zimmer auf und ab; es hatte sich etwas
ganz Unerhörtes für sie begeben. Ein Bote
des Telegraphenamtes hatte ihr eine De-
pesche überbracht; dieser Vorfall war schon
an und für sich geeignet, die gute Frau
in die heftigste Äufregnng zu verseizeu,
deun so lange sic lebte, war ihr das noch
nicht geschehen. Es war schon ein Ereig-
nis;, wenn sich einmal ein Brief in ihr
Häuschen verirrte, und nun gar ein Te-
legramm! — Das konnte nicht nut rechten
Dingen zugehen, das mußte den Untergang
der Welt oder etwas dem Aehnliches be-
deuten.
Sie zitterte so, daß sie den; Boten we-
der das blaue Eouvert abnehmen, noch
das Bestellgeld einzuhändigen vermochte,
und es würde sich höchst wahrscheinlich eine
heftige Scene zwischen ihr und dem un-
geduldigen Beamten entwickelt haben, wäre
 
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