Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 15.1880

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Dege» und a l e t t r.
Historischer Ron:an ans Bayerns Vergangenheit.
Von
Kgvert ßarlsscn.
tFortschung.) (Nachdruck verboten.)
ngsterfüllt irrten Heydonr's Blicke im Kreise
der ihn Umgebenden umher, er las nnr zu
deutlich auf jedem Gesicht, daß es keine Hoff-
nung mehr für ihn gäbe. „Graf d'Arco,"
wandte er sich an den Marschall, „ich be-
schwöre Euch, eilt zum Kurfürsten, sagt
ihm, ich ließe ihn anflehen — nnr heute
nicht — ich bin nicht so schuldig — der Schein spricht
gegen mich — es wird sich Herausstellen "
Die Worte des Unglücklichen verwirrten sich, seine
Stimme versagte, er schluchzte laut auf.
„Baron Heydom, tragt Euer Schicksal wie
ein Mann," sagte d'Arco streng. „Der
Wille des Kurfürsten ist unabänderlich;
was geschehen konnte, ihn umznstimmen,
ist geschehen, aber vergebens."
„Nnr um Aufschub bitte ich. Jesus,
Maria! Ich kann jetzt nicht sterben. Nur
bis morgen früh flehe ich nm Aufschub.
Eine Nacht kann viel in den Entschlüssen
der Menschen ändern. Morgen früh wird
der Kurfürst begreifen —"
Der Feldmarschall Wandte sich schroff
ab. „Profoß! Kraft deS von Seiner
Durchlaucht dem Kurfürsten bestätigten
Spruches des Kriegsgerichtes übergebe ich
Dir hiemit den General Freiherrn Joseph
Ernst Martin v. Heydom. Thne mit ihm,
was Deines Amtes ist."
Der Profoß trat einen Schritt vor
und legte die Hand auf die Schulter des
Generals. Der Unglückliche sank in die
Kniee. „Gnade, Gnade! Nur bis morgen
Aufschub, nur eine Stunde noch Aufschub.
Ich muß mich zum Tode vorbereiten, ich
verlange geistlichen Zuspruch —"
Nicht Mitleid, sondern Verachtung
sprach aus den Zügen des Feldmarschalls,
als er barsch sagte: „In der Kutsche, die
Euch zum Richtplatz führen soll, wartet
Eurer der Pfarrgeistliche von Mittenwald.
Profoß, mach' ein Ende!"
Er kehrte sich kurz um und schritt mit
dem Generäl-Auditeur hinaus. Der Pro-
foß winkte einem seiner Knechte und mehr
von Beiden geschleppt als geführt wankte
Heydom hinterher. Die Ordonnanzen
schlossen den traurigen Zug.
-l-
>s-
Vor der Nordseite des Lagers bildeten
die Truppen ein Onarrö, von jedem Ba-
taillon eine Kompagnie, von jeden: Reiter-
regiment eine Schwadron. In Mitte des

Viereckes war ein Sandhaufen anfgefähren, nur den
das rothe Licht mächtiger Pechfackcln düster glühte und
in dessen Mitte auf den: Richtblock däs Henkerbeil blitzte.
Daneben stand, in seinen Mantel gehüllt, der Scharf-
richter von Mittenwald. Dem Sandhaufen gegenüber
war das Bataillon ausgestellt, welches die Besatzung
von Ehrenberg gebildet, vor seiner Front die unglück-
lichen Offiziere, welche Heydom's Unfähigkeit mit in's
Verderben gerissen hatte.
Unter ihnen stand auch der Sohn des Veteranen
von Machacz und Belgrad, Engen v. Sandhorst.
In schnellem Trabe rasselte die Kutsche heran, welche
den Vernrtheiltcn führte, an den Schlägen Kürassiere
mit gezogenem Pallasch. Vor dem Sandhaufen hielt
der Wagen und ihn: entstiegen der General-Auditeur mit
Heydom und dem Geisttichen. Der Profoß, welcher in
einem zweiten Wagen gefolgt war, trat an Heydom's

Prosrssor H. L. F. Krlmholh,
Nach enm Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. S88.)

linke Seite, so daß dieser zwischen ihm und dem Geist-
lichen stand.
Mit lauter, weithin tönender Stimme verlas der
Auditeur nochmals das Urtheil. Nach den letzten Wor-
ten trat der Profoß vor.
„Ich bitt' nnr Gnade für den armen Sünder."
Der Auditeur schüttelte verneinend das Hanpt.
„Ich bitt' nnr Gnade für den armen Sünder,"
wiederholte der Profoß.
Wiederum das verneinende Kopfschütteln. Es war
so still in dem weiten Kreise, daß mal: die stöhnenden
Athemzüge des Delinquenten hörte.
„Ich bitt' nm Gnade für den armen Sünder," klang
es zum dritten Male.
„Nur bei Gott ist Gnade!"
Der Profoß wandte sich zu Heydom nm, riß ihm
mit einen: Ruck die Generalsschnürc von der Uni-
form, zerbrach seinen Degen über den:
Knie und warf ihn: die beiden Stücke vor
die Füße. Seine Knechte schnürten den:
Verurthcilten die Arme zusammen und
schoben ihn zu den: Sandhaufen hin, ans
welchen: ihn der Scharfrichter erwartete.
Laut klangen die betende:: Worte des
Geistlichen über den weiten Platz — das
Henkerbeil blitzte hoch in der Luft — der
Freiherr v. Heydom war nicht mehr unter
den Lebenden.*) — —
Noch war die Arbeit des Profoßcn
nicht beendet. An der blutüberströmten
Leiche ihres Ehefs wurden den Offizieren
des unglücklichen Bataillons die Abzeichen
ihres Grades von der Uniform gerissen
und die zerbrochenen Degen vor die Füße
geworfen. Als die Stücke seines geschändeten
Schwertes vor ihn: niederklirrten, brach
Engen v. Sandhorst mit einen: lauten
Aufschrei bewußtlos zusammen.

Die KoyüuloNou der Ehmibergcr KInusc und
Heydom's Prozcst ist kein Phautasicgebild, sonder::
historisch. Bgl. Buchner, Geschichte von Bayern,
0. Buch, 2. Abschn., 2. Hytstck.

lieber die dumpfen, stauberfüllten
Straßen Münchens hingen schwere Ge-
witterwolken tief und dunkel herab. Es
war still und öde in den Straßen, noch
stiller als an anderen Tagen dieses angst-
reichen SvmmerS. Das drohende Gewitter
hatte die Menschen in die Hauser znrück-
geschencht, wer es nur irgend vermochte,
zog es vor, unter Dach und Fach den Plus-
bruch des Unwetters zu erwarten.
Da wurde cs plötzlich in der Neuhauser-
gasse lebendig. Ans den weit geöffneten
Thüren der Michaelskirchc, zwischen denen
die schöne Kolossal-Statue des siegenden
Erzengels steht, strömte eine dichte Menge
schwarzgekleideter Menschen und wandte sich
größtenthcils links den: „schönen Thnrine"
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