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MO.

L)

Gewisse Symptome in seinem Wesen, gewisse

ThonmS Riva Edisau.
Nach einem Stahlstich gezeichnet von C. Kolb.

unangenehm gewesen und hatte er versucht sich dessen
Gesellschaft so schnell wie irgend schicklich zu entziehen,
so klammerte er sich jetzt an ihn, als sei der italienische
Freund im Besitze eines Zaüberstäbcs, der ihm augen-
blicklich die Erfüllung seines heißen Wunsches ver-
schaffen könne.
Graf Amadeo sah sich nach allen Seiten nm. „Ich
stehe mit Bergungen zu Diensten," sagte er, „aber hier
ist nicht der Ort für Mittheilnngen, wie ich sie von
Ihnen vermuthen muß. Ich stoße jeden Augenblick
ans Bekannte und werde bald nach der, bald nach jener
Seite gezerrt. Lassen Sic uns nach der Stadt zurück-
kehren nnd in's Kasino gehen, wir finden dort ein
Zimmer, wo wir bei einer Flasche Orvicto ungestört
plaudern können."
Edwin stimmte dein Vorschläge eifrig bei und
Bernhard fügte sich, obwohl mit innerem Widerstreben.
Es erschien ihm wie eine Entweihung, daß Annnnziata's
Namen vor den Ohren des Grafen genannt,
ihre reine, jungfräuliche Erscheinung mit
Worten geschildert werden sollte; aber der
Bruder war voll Leben und Feuer, wie er
ihn lange nicht gesehen hatte. Er konnte
und durfte ihm nicht wehren.
Die drei jungen Männer wandten sich
der Stadt zu und erreichten die Porta al
Prato als bereits die ersten Wagen vom
Korso in den Caseinen heimkehrend durch
das Thor in die Stadt zurückfuhreu.
Im Kasino, wo Graf Amadeo wohl
bekannt war, verschaffte sein Wunsch ihm
und seinen Gästen schnell das gewünschte
Kabinet. Bald funkelte der goldgelbe Or-
vieto in den Gläsern, aber der Graf
wartete vergeblich, daß Edwin v. Hammer-
stein sein Abenteuer erzählen sollte. Es
hatte ihm in der Erregung des Augen-
blicks so leicht geschienen, dem Italiener-
sein Vertrauen zu schenken nnd nun nahm
er doch Anstand zu beginnen. Weniger-
weil ihn sein Vorhaben reute als weil'er
in Verlegenheit war, zu schilderp was ihn
so tief und leidenschaftlich bewegte.
„Wir sind ungestört," begann endlich
der Graf, nachdem der aufwartende Krillner
schon.seit mehreren Minuten das Zimmer-
verlassen hatte. „Sie zögern, soll ich viel-
leicht erst einen Eid leisten?"
„Nicht doch, Herr Graf," unterbrach
ihn Edwin, ihm die Hand ans den Arm
legend; „deuten Sic mein Schweigen nicht
falsch. Ich weiß nur nicht, Ivie ich Ihnen
das holde Engelsbild schildern soll, das
mein Herz erfüllt, nach dein ich mich sehne
und das mir mit kalter Grausamkeit fern
gehalten wird."
„Ah, es handelt sich nur ein Liebes-
abenteuer?" versetzte der Graf kühl nnd
sichtlich enttäuscht. „Ich glaubte, cs sei
von einer ernsteren Angelegenheit die
Rede."

0 c r l o r e n.
R o m a n
von
Ludwig a b i ch t.
^orlscstnng.) (Nachdruck verboten.)
(Jadwin besonders hatte viel Wohlgefallen
an ihrem neuen Bekannten, dem Grafen
Amadeo Valeri, gefunden, während Bern-
hard sich eines leichten Mißtrauens gegen
ihn nicht erwehren konnte, obgleich er da-
für keinen rechten Grund anzugeben wußte.
Graf Amadeo war ein schöner Mann von ange-
nehmen, einschmeichelnden Manieren, der vollendete
Kavalier. Einige Jahre älter als die jungen Deutschen,
hatte er ein gutes Stück Lebenserfahrung vor ihnen
voraus. E ff
Züge in seinem Gesichte deuteten darauf
hin, daß er schon in recht vollen Zügen
aus dem Becher der irdischen Lust getrunken
habe und er gab sich gern den Anschein,
als ob er längst übersättigt davon sei.
Seine schwarzen Augen hatten einen müden
verschleierten Blick, der Mund mit dem
wohlgepflegten Schnurrbärtchen konnte recht
spöttisch nnd überlegen lächeln, wenn ein
Neuling die unverzeihliche Sünde beging,
über irgend etwas Schönes in Entzücken
zu gerathen; ein Blitz, der plötzlich in
diesen matten Augen aufschoß, ein Zucken
und Beben der seinen Nasenflügel verrieth
aber dein schärferen Beobachter, daß es mit
der Blasirtheit des Grafen noch keineswegs
ernst sei. War sein Herz, wie er zuweilen
behauptete, ein ausgebrannter Krater, so
war es ein solcher, von dem man sich
jeden Augenblick eines erneuten Ausbruchs
gewärtigen konnte.
„Wo sind Sie nur gewesen?" fragte
er die Brüder im Weiterschreitcn, „bei
unseren englischen Freunden, wo ich mich
sogleich nach meiner Rückkehr nach Ihnen
erkundigte, sagte man mir, Sie wären
unsichtbar geworden."
„Wir haben uns während der ganzen
Zeit in Florenz anfgehaltcn," antwortete
Bernhard ausweichend; „Edwin stndirte;
Sie haben ihm selbst ja die Handschriften
verschafft —"
„Damit scheine ich aber wirklich nichts
Gutes gethan zu haben," fiel ihm der
Graf in's Wort und faßte Edwin schärfer
in's Auge. „Sic sehen angegriffen aus,
Herr v. Hammcrstcin; Sic haben sich
jedenfalls zu sehr angestrengt."
„Ich arbeite schon seit Wochen nicht
mehr," stieß Edwin kurz heraus.
„So sind Sie krank? Haben Sie trübe
Nachrichten aus der Hcimath?"
„Im Gegentheil die allerbesten," ver¬

setzte Bernhard schnell, dem es darum zu thuu war,
das Gespräch abzulenkeu.
„Aber was haben Sie denn sonst? Ist Ihnen ein
Abenteuer fehlgeschlngcn? Vertrauen Sie sich mir, ich.
habe Ortskenntniß und kann Ihnen helfens
„Ja, ich will Ihnen vertrauen!" rief Edwin Plötz-
lich heftig und ergriff des Grafen Hand. „Es ist
vielleicht eine Fügung, daß ich Sie getroffen habe."
Graf Amadeo sah ihn mit einem spöttisch ver-
wunderten Blicke an.
„So feierlich, mein lieber Herr v. Hammerstein?
Sie scheinen sich in böse Händel verwickelt zu haben."
„Sie sind im Jrrthum, Herr Graf, Sie sind im
Jrrthum!" warf Bernhard eifrig dazwischen.
„Hören Sie mich; Sie sollen Alles erfahren; rathen
Sie mir, helfen Sie mir!" bat Edwin. Er war wieder
einmal von einem Extrem in's andere übergesprungen.
War ihm zuerst das Zusammentreffen mit dem Grafen

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