Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 15.1880

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cr den

Pfarrer Johann D;icr;on.
Nach einer Pholographic ans Holz gezeichnet non C. Halb. (T. 187.)

trat in den Hof. Mit einem halben Blick erkannte
ihn Josephine — er war der Erwartete.
Eugen bemerkte sie erst, als er ihr unmittelbar
gegenüberstand. „Ah Josephine, Ihr hier," rief er er-
staunt, „nnd so einsam nnd verlassen? Erwartet Ihr
Jemanden oder ist cs nur der Sonnenschein, welcher
Euch hieher gelockt hat?" .
„Ich konnte die geschlossene Luft in den großen,
düsteren Gemächern nicht mehr ertragen," sagte Jose-
phine mit einein resignirt wehmüthigen lächeln. „Der
Gedanke, wie dies prächtige Schloß so bald in oder
Verlassenheit daliegen und wie viele Derjenigen, welche
in seinen Sälen getan,st, gcscherst nnd gelacht haben,
vielleicht schon in nächster Zukunft mit ,geschmetterten
Gliedern ans blutüberströmter Wahlstatt liegen werden,
Preßte mir daS Herz zusammen. Ich mußte frische
Luft schöpfen."
„Der Marquis de Rienr wird jedenfalls nicht zu

Degen und Palette.
Historischer Roman aus Bayerns Vergangenheit.
-W

kann ich es ändern, daß er mich
nur deshalb, davon könnt Ihr überzeugt
sein, Engen — mit Aufiuerksaiukeiten über-
schüttet, oder darf ich gar diesem Betragen
abweisende Kälte entgegensetzen? Nein, das
darf, daS kann ich nicht, selbst nicht nm
der Gefahr solcher Nachrede willen, wie
Ihr sie eben andentet. Mögen die müßigen
Leute am Hofe medisiren, so viel sie wollen
— von Euch allerdings, Engen, hätte ich
erwartet, daß Ihr etwas genauer Prüfen
würdet, ehe Ihr solches Geschwätz weiter-
tragt."
Eugen ließ die Spitzen seines Schnurr-
barts durch die Finger Wirbeln, ehe er
antwortete: „Ich muß gestehen, Cousine,
daß ich die Huldigungen des Gesandten
noch nie von diesem Standpunkte ans be-
trachtet habe."
„Weil Ihr wie alle Männer Euch von
vorgefaßten Meinungen beherrschen laßt
nnd dadurch für das, was wirklich ist,
merkwürdig blind seid."
Das Auge des jungen Offiziers leuchtete
auf. „Ter Vorwurf, den Ihr uns Männern
macht, ist nicht gerecht, Josephine, wenig-
stens nicht von Euch. Denn Ihr macht
es uns recht schwer zu erkennen, wohin
sich in Wahrheit Euer Herz neigt."
Sie sah ihn mit einem stammenden
Blicke an, aber dieser Blick flog wie ein
Blitz über sein Antlitz, schon im nächsten
Moment senkte sich ihr Ange wieder zu
Boden nnd während eine tiefe Röthe sich
über ihr Gesicht breitete, flüsterte sie: „Es
ist nicht Sache der Dame, unaufgefordert
die Gefühle ihres Herzens zu deconvriren."
Engen fühlte sein Herz in mächtigen
Schlägen pochen, in so gewaltigen Schlügen,
daß er nur mit Mühe Athcm zu holen
vermochte. Zu plötzlich kam dieses lang
und heiß ersehnte Glück, welches sich ihm
hier jetzt zu enthüllen schien. Er trat
Josephine einen Schritt näher, nnd indem
cr ihrc Hand faßte, sagte er mit vor Anf-

Denjenigcn gehören, deren Blut die Wahlstatt färben
wird," meinte Engen spöttisch. „Sein Dienst als Di-
plomat hält ihn von diesem gefährlichen Tanzplatz
fern."
Sie sah ihn mit einem feuchten Blicke an. „Wenn
ich an Jemand nicht gedacht habe, so ist eS der Mar-
quis. Wie sollte ich an ihn, an den Fremden, den
Franzosen denken, wenn ich Vater nnd Bruder, wenn
ich so manchen lieben Freund der Gefahr entgegenziehen
sehe?"
„Es behaupten sehr Viele, schöne Cousine, daß Eure
Gedanken sich fast ausschließlich mit dem liebenswürdige»
Franzosen beschäftigten."
„Kann ich cs verhindern," fragte Josephine bitter,
„daß der Gesandte in meinem Vater nnd selbst in meiner
geringen Person eine Hauptstütze der Interessen sieht,
welche cr vertritt,
deshalb

Von
Kichert Karkssc».
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osephine lächelte selbstzufrieden, als sie soweit
in ihrem Gedankengang gekommen war, der
ihr es als das Gerathenste erscheinen ließ,
M. die Bewerbungen ihres Vetters zu er-
muthigen. Eugen würde sie auf den Händen
tragen, davon war sie überzeugt, auch war
er ein Mann, der etwas vorstelltc, ein eleganter Ca-
valier, ein liebenswürdiger Gesellschafter. Daß nicht
er es gewesen, von dem jener mysteriöse Schnß auf
Xaver abgefeuert war, hatte sie langst eingesehen, Engen
selbst hatte sie davon überzeugen können,
ganzen fraglichen Abend in der Gesellschaft
ihres Bruders und einiger Freunde zuge-
bracht. Ein so glanzendes sort machte sie
freilich durch diese Heirath nicht, als wenn
sie Marquise de Rienr geworden wäre, aber
immerhin war cs cinc Parthie, um dic
Viele sic beneiden würden. Und selbst
wenn Engen nicht aus dem Kriege zurück-
kehreu, wenn ihn cinc feindliche Kugel
treffen sollte — sie mußte ja mit allen
Eventualitäten bei dieser Heirath rechnen,
die für sie doch nichts Anderes war als
ein Rcchenexempel — selbst dann blieb sie
als eine Wittwe zurück mit klangvollem
Rainen und ansehnlichem Vermögen. Denn
das; die Ehepakten ihr das znsichern wür¬
den, dafür konnte sic ihren Vater sorgen
lassen.
„Run denn," flüsterte Josephine, indem
sie ihre Wanderung beendete und sich in
der Muschelgrotte niederließ, „mag meinet-
wegen der tüousin inkatigablo der glück-
liche Empfänger meiner Hand werden. Er
weiß jedenfalls das Glück zu schätzen, wel-
ches ihm damit zu Theil wird. Er wird
ein fügsamer Gatte sein, stets dankbar für
den Besitz seiner angebeteten Frau nnd
stets bereit, meine Wünsche zu erfüllen.
Warum sollten wir nicht die glücklichste
Ehe mit einander führen?"
Ein flüchtiges Lächeln legte sich bei
der Frage nm ihre Lippen und dennoch
hob ihre Brust ein leiser Seufzer. Sie
fühlte wohl, daß ihrem ehelichen Glück
Eines fehlen würde und sie fühlte auch,
das; dieses Eine die Hauptsache war. —
Josephine lehnte sich etwas zurück,
sporeuklirrende Schritte wurden im Thorweg
laut und ein junger Offizier in großer
Parade-Uniform mit den breiten silbernen
Litzen und Achselschuüren auf dem hell-
blauen Rock, dessen roth gefütterte Schöße
vorn und rückwärts anfgeschlageu waren.
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