Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 15.1880

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Heft






Adolph Graf v. Arnim-Boitzettlnirfl, Prnsidettt des deutschen Reichstages.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 439.)

Dann entfernte er sich
wie er ge-

1880.

(Nachdruck verboten.)
der Verhüllte kurz
jene große Gestalt,

Nach einer Viertelstunde betrat der Maler Amigoni
sein Schlafgemach. Er war sehr bleich, unter seinen
schwarzen fnnkelndeu Augen lagen tiefe blane Ringe.
Er öffnete einen Wandschrank und nahm ans demselben
eine Krystallflasche, in welcher der dunkelrothe Wein
des Veltlius funkelte. Hastig goß er den Sassella in
ein hohes geschliffenes Kelchglas und trank den Inhalt
auf einen Zug. Daun warf er sich, angeklcidet wie er
war, ans sein Lager.

Schmerz brachte Xaver ganz in's Bewußtsein
Er mußte schwer verwundet sein, aber er lebte

Durch die Stille des nächtlichen Waldes klang ein
tiefer Seufzer, als ob Jemand aus einer schweren Ohn-
macht erwache.
Eine blutüberströmte Gestalt richtete sich halb in
die Höhe, nm mit einem qualvollen Stöhnen im näch-
sten Moment znrückznsinken.
Der
zurück.

Degen nnd Palette.
Historischer Roman aus Bayerns Vergangenheit.
Von
Egbert Karls sen.
,Fortsetzung.)
st es geschehen?" fragte
in italienischer Sprache
welche ihm in der Nische des Parkes ent-
gegentrat.
„8i, mgnore," antwortete der Breit-
schulterige.
Wo?"
„An der Stelle ihrem Hanse gegenüber."
„Wo hast Du die Waffe?"
„Hier." Der Breitschulterige gab dem Verhüllten
ein Rciterpistöl mit langem Lauf und schwerem Kolben.
„Wohin traf's?"
„In den Nacken. Ich sah, wie cr-
emen Satz in die Luft machte, mit den
Händen nm sich griff und platt anf's Ge-
sicht fiel."
Der Verhüllte schauerte zusammen.
„Still, sei vorsichtig! Es gibt überall
Lauscher," flüsterte er. „Du hast jetzt
Deine Aufgabe vollendet, ich gebe Dich
frei. Mein letzter Befehl an Dich ist,
dies Land so schnell als möglich zu ver-
lassen, in dieser Börse findest Du genug,
um in Deine Hcimath zu gelangen."
Er reichte ihm einen ledernen Beutel,
welchen der Breitschulterige mit der Linken
ergriff, wahrend er mit der Rechten grüßend
Stirn und Brust berührte.
„Geh," winkte der Verhüllte, „vergiß,
was geschehen, und lebe der Zukunft."
Der Breitschulterige neigte den Kopf
Und berührte wiederum Stirn und Brust
mit der Hand.
schleichend und behutsam,
kommen.
Kurze Zeit später trat der Verhüllte
ans der Nische. Er sah sich scheu um,
dann ging er mit großen Schritten den
Gang hinunter, vorsichtig sich stets an
der Seite haltend, welche durch den tiefen
Schatten der Hecke verdeckt war. So ge-
langte er an ein Wasserbassin, in welches
eine murmelnde Kaskade ihre im Mondes-
glanz funkelnden Wellen hiuabplätscheru
ließ. Der Verhüllte schlich sich halb um
das Bassin herum, bis er eine Stelle er-
reichte, an welcher ein künstlicher Felsen,
die Kaskade flankircnd, in das Wasser vor-
sprang. In seinem dunklen Schatten beugte
er sich zum Wasserspiegel nieder, zog das
Pistol, welches er vorhin von dem Breit-
schulterigen erhalten, unter dein Mantel
hervor und ließ dasselbe behutsam in das
feuchte Element hinuutergleiteu. — — —

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noch, konnte vielleicht gerettet werden, wenn er bald
Hilfe erhielt.
Er fühlte mit den Händen um sich her) wohin er-
faßte, war die Erde feucht feucht von seinem Blut.
Er machte zum zweiten Male einen Versuch, sich auf-
zurichteu, vergebens, der namenlose Schmerz in Rücken
nnd Nacken drohte ihm von Neuem die Besinnung zu
rauben.
Jetzt versuchte er, sich kriechend fortzubewegen. Das
gelang, er erreichte den Graben, welcher den Wald von
der Dachauer Landstraße schied. Aber hier waren auch
seine Kräfte zu Ende. Vergebens kämpfte er gegen die
schwarzen Schatten au, welche ihn zu umfangen droh-
ten, er fühlte das Bewußtsein entschwinden nnd damit
das Leben.
Konnte denn nicht seine Stimme Beistand herbei-
rufen? „Hilfe!" wollte er schreien, aber der mit der
Anstrenguug verbundene rasende Schmerz ließ das Wort
ans seiner Lippe ersterben. Er sank kraft-
los zurück, wirre Bilder flogen mit Blitzes-
schnelle an seinem Ange vorüber. „Meine
armen Eltern," murmelte er, „Josephnre,
Geliebte, lebe Wohl!"
War das auch Fieberphautasie, das
heitere Lied, dessen Töne jetzt an sein lühr
schlugen?
„Als wir jüngst in Regensburg waren,
Sind wir über den Strudel gefahren,
Schwäbische, bayrische Dirnen jnchheiraßaßn
Mnß der, ninß der Schiffs,„mm fahren k
Noch einmal raffte er seine ganze Energie
zusammen, nein, das war Wirklichkeit, auch
das Rollen eines Wagens mischte sich in
die Töne des Liedes.
Und nnu klang es schon näher:
„lind von ihren, hohen Schlosse
Kan, nnf stolzen, schwarzen Rosse
Adlig Fräulein Ünnignnd
Wollte fahre» über Strudels Grund."
Schnell sah Xaver den Wagen heran-
rollen, es Ivar ein leichtes einspänniges
Gefährt, in dem ein einzelner Manu saß.
Trotz des Schmerzes, der ihn fast' über-
wältigte, rief Xaver, so laut er vermochte:
„Hilfe!"
Der Manu in, Wagen brach mitten
in dem Refrain ab und horchte auf.
Noch einmal wiederholte Xaver seinen
Ruf, jetzt hielt der Manu das Pferd au
und fragte, im Wagen aufstehend, mit
weithin tönender Stimme: „Wer ruft nm
Hilfe?"
„Hier —" nur mit der größten Selbst-
überwindung vermochte Xaver das Wort
noch über die Lippen zu bringen. Dann
verließ ihn von Neuem das Bewußtsein.
Der Insasse des WageuS sprang herab
und ging auf den Graben zu, woher er die
hilfeheiseheude Stimme vernommen hatte.
Unschwer erkannte er drüben eine mensch-
liche Gestalt. Mil einen, Satz war er über
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