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s'crmam« Vittrr, köiiipl. pr«uspsch«k «Uinnzministkr.
Nach cincr Photograph!« gczctchoct tioii C. Kolb. sS. l.'>!.)

l> e r I o r e >i.
R o m n n
vou
Ludwig K a b l ch t.
lFortschung.)
(Nachdruck verboten.)
it einem tiefen Stöhnen, das eher dem
Geheul eines Raubthieres, als den Lunten
einer Menschenstinnnc glich, erwachte
Andrea, dehnte sich, reckte alle Glieder,
rieb sich die Angen nnd griff dann mecha¬
nisch nach seinen Waffen. Der Dolch war sogleich zur
Hand, die Pistole konnte er aber nicht finden, so viel
er auch suchte nnd nm sich griff.
„ülalmtotto!" fluchte er nnd sprang auf, „bin ich
denn mit einem bösen Zauber geplagt? Vicenzo,
Vicenzo!" rief er mit lauter Stimme.
„Stehe auf. Es muß hoch am Tage
sein. Du schläfst ja wie ein Mnrmelthier
nnd das Püppchen rührt nnd regt sich
auch nicht. Sie scheint ihre Angst ver-
schlafen zu haben, das Klügste, was sie
thun konnte."
Er tappte sich nach dem Kamin, stolperte
dabei über die Decke, ans der sein schlaf-
trunkener Kamerad sich soeben heraus-
znwickeln begann, und brachte sich unter
Fluchen und Schelten mit Mühe wieder
ans die vom langen Liegen steif geworde-
nen Beine.
„Die Kleine rührt und regt sich nicht,"
sagte Vicenzo.
„Hat einen gesunden Schlaf," lachte
der Andere, während er nach dem Feuer-
zeug nmhcrtappte.
„Alan hört sie aber auch nicht athmen,"
bemerkte Vicenzo.
„Meinst Wohl, sie soll auch so alle
Register ziehen wie Du!" spottete sein
Kamerad. Er hatte die Streichhölzer ge-
funden, ließ eines aufflammen, zündete
eine Kerze an nnd trat damit an das
im Hintergründe befindliche Bett. Mit
einem lauten Schrei fuhr er so heftig
zurück, das; die Kerze beinahe zu Boden
gefallen wäre; das Bett war leer.
Er setzte den Leuchter ans den Tisch
nnd durchwühlte das Bett bis ans die
unterste Matratze, als ob das Mädchen
eine Stecknadel gewesen wäre, die sich
darin hätte verlieren können. Dann
leuchtete er im ganzen Gemache und im
anstoßenden Gewölbe umher nnd fuhr
endlich, als er die Verschwundene nir-
gends zu entdecken vermochte, mit wüthen-
der Geberde auf seinen Gefährten los,
der in stummer Verwunderung darcin-
schante.
„Hund, vermaledeiter Hnnd!" schrie

er, die geballte Faust gegen ihn erhebend, „Du Nullst
Dir einen schlechten Spaß mit mir machen, Du hast
sie versteckt!"
„Schurke!" gab ihm Vicenzo giftig zurück. „Man
sucht Keinen im Sack, man hätte ihn denn selbst darein
gesteckt. Du hast die Dirne auf die Seite gebracht."
„Elender Narr!"
„Tobe wie Du willst. Kein Anderer als Du kann
das Mädchen fortgeschafft haben."
„Du bist es gewesen!" schrie Andrea und wollte
sich ans ihn stürzen. Geschickt wich ihm Vicenzo aus.
„Ich müßte Dir ja auf den Kopf getreten sein,"
höhnte er.' „Dick genug ist Dein Schädel, aber das
hätte er am Ende doch gefühlt."
So brutal diese Logik war, wirkte sie doch über-
zeugend. Andre» wurde nachdenklich.
„Du hast sie nicht fortgeschafft?" fragtc
ruhigerem Tone.

Vicenzo lachte. „Daß ich ein Narr wäre nnd mich
um den bedungenen Lohn vom Grafen brächte."
„Die Kleine könnte Dir ja eine größere Summe
versprochen haben, wenn Du sie zu ihrer Mutter zurück-
schasstest," sagte Andreo lauernd.
„Hm, die Strohflechterin sieht auch gerade aus, als
ob sie es zahlen könne. Wenn man die samint ihrem
Hänschen nm und um kehrt, fällt ja nicht so viel her-
aus, wie ein Graf Amadeo immer in der Tasche trägt."
„Die Deutschen hätten vielleicht doch mehr gezahlt,"
bemerkte Andreo; er war noch immer mißtrauisch gegen
seinen Kameraden.
„So? Meinst Du? Willst Du es vielleicht Pro-
kuren? Hast Du sie darum sortgeschafft?" gab ihm
Vicenzo zurück.
Wiederum drohte der Streit der beiden Bieder-
männer in Thätlichkeiten auszuarten, und wieder ver-
trugen sic sich.
„Der Teufel muß sie geholt haben!"
schrie Andreo.
„Wo der Teufel nicht selber kommen
kann, da schickt er ein altes Weib," ver-
setzte Vicenzo phlegmatisch. „Wird wohl
auch hier so sein."
„Tie tolle Margherita!" rief Andreo
mit einem Wuthgehenl, „das Weib hat
mir auch meine Pistole gestohlen. Wehe
il;r, wenn ich sie fasse; mit meinen Hän-
den erwürge ich sie!"
Von Vicenzo gefolgt stürmte er die
Treppen hinauf, welche ans dem unter-
irdischen Gewölbe in das Innere des
Schlosses führten.
Beim Anblick der beiden fremden, wild
aussehenden Männer, die so plötzlich und
mit so zornigen Geberden dem Schoße der
Erde zu entsteigen schienen, steckten die
Diener des Schlosses erschreckt die Köpfe
zusammen. Die Meisten hatten von der
Ankunft der Fremden nichts erfahren, der
Schlvßvogt hatte sie in Empfang ge-
nommen nnd ein alter Reitknecht die Pferde
und den Wagen unter Dach gebracht.
„Wo ist Margherita, wo "ist die tolle
Hexe?" brüllte Andreo, „ich muß sie fin-
den und hätte sic sich bis in die Hölle
verkrochen."
Ter Schlvßvogt bekreuzte sich ob solcher
fürchterlichen Rede, half aber doch eifrig
nach der Wahnsinnigen suchen. Alan
sand sie im ganzen Schlosse nicht und
Niemand wollte sie gesehen haben. Mar-
gherita trieb sich oft Tage lang in den
Bergen umher, sie ging und kain, ohne
daß man viel ans sie achtete; Jeder war
zufrieden, wenn sie ihm nicht in den
Weg lief.
Eine geraume Zeit verging über dem
Suchen. Endlich fand man die Wahn-
siunige in ziemlicher Entfernung vom
Schlosse ans einem Felsblock sitzend, der
 
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